Jahrgang 
1 (1860)
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V

4 Lorelei.

öffnete ſich ein mäßig großer Raum von anſcheinend ovaler Geſtalt, während rings umher der Wald dicht und dunkel zur Höh ragte. In der Mitte des mit Raſen bedeckten Platzes erhob ſich ein ziemlich großes Gebäude, deſſen Rococoſtil der Reiſende bei dem hellen Mondlicht und der geringen Ent⸗ fernung deutlich genug bemerken konnte. Er ſah's, daß mächtige Pfeiler vor dem Erdgeſchoß einen tiefen Bogengang bildeten und eine Art von Ter⸗ raſſe trugen, welche droben den ganzen Hauptbau zu umgeben ſchien. Da hinauf führten vom freien Platze rechts ein paar anmuthig geſchwungene Freitreppen, während links, an der Rückſeite des Schloſſes, ein einfacher gebauter Flügel vorſprang und bis an die hier dicht herantretenden Wald⸗ bäume reichte. Es war nahe und hell genug, um an den Pfeilern vor dem Erdgeſchoß ſtolze Hirſchgeweihe angebracht zu ſehn. Aber ſo viel der Rei⸗ ſende auch ſpähte, der ganze Bau war ſtill, in keinem Fenſter zeigte ſich ein Licht, von Menſchen oder Thieren hörte man keinen Laut, und auch die Sängerin mußte ſich zuruckgezogen haben. Auf dem Platze und den Bäu⸗ men rings, auf den Treppen und auf der Terraſſe, auf der ganzen zierlich ſchnörkelhaften Vorderſeite des Bauwerks träumte das Mondlicht und ließ alles noch viel ſtiller erſcheinen. Der Reiter ſtreckte die Hand nach dem Klingelzuge aus, den er am Thorpfeiler bemerkte. Aber er zögerte. Sollte, durfte er hier um Aufnahme bitten?

Nun, was gibt's hier? Was wollt Ihr? fragte da neben ihm die ziemlich barſche Stimme eines Mannes, den er, in das Schauen verſunken, ſich nicht hatte nähern hören. Als er jetzt raſch den Kopf dem Frager zu⸗ wandte, fand er in ihm einen bereits bejahrten Mann in der herkömmlichen Kleidung eines Förſters oder Jägers, dem grünen Rock und den hohen Stiefeln, die Taſche zur Seite und die Flinte am Riemen über die Schulter gehängt.Was beliebt dem Herrn? wiederholte er jetzt und ſchaute dabei den Reiter mit einem feſten, prüfenden Blick an.

Der Reiſende ließ ſein Auge gleichfalls ernſt und aufmerkſam auf dem Ankömmling ruhen, bevor er ziemlich kurz antwortete:ein Nachtquartier für mein Pferd für mich wär's nicht nöthig, aber das Thier iſt abge⸗ jagt.Nachtquartier? Das iſt kein Wirthshaus, wie der Herr ſieht, ſagte der Förſter wieder barſch und ohne ſein Auge von dem Fremdling abzuwenden.Es iſt nicht erlaubt, durch dies Revier zu reiten, fuhr er fort.Was hat der Herr hier überhaupt zu thun, und wie kommt er eigentlich hieher?Nun, da auf dem Wege, der die Höhe heranſteigt,