Von E. Heuſinger. 74
jedes Satzes ſeinen Schülern beizubringen, geläufig zu machen und ihnen ſogleich die Anwendung zu zeigen.
Bei einem Beſuche, den ich meinen Eltern in den Hundstagsferien machte, traf es ſich, daß der Chef des Regimentes, Generallieutenant von Klinkowſtröm, das Bataillon meines Vaters inſpizirte und einen Tag bei uns zubrachte. Derſelbe war ein großer, ſtarker Mann von etwa 60 Jahren, mit einem finſtern, viereckigen Geſichte; dagegen ſeine Gemahlin eine junge, zweiundzwanzigjährige, ſchöne, ſehr lebendige Dame. Nach dem Mittageſſen nahm ſie aus Artigkeit, vielleicht auch aus Langeweile von mir einige Notiz und fragte mich, was ich werden wollte. Ich antwortete, daß ich mich zum Studiren beſtimmt hätte.—„Pfui, ſchämen Sie ſich,“ rief ſie;„ein ſo hübſcher junger Menſch will ſich der Feder widmen? Treten Sie als Junker in meines Mannes Regiment, er wird gewiß für Ihr Fortkommen ſorgen.“ — Dieſer Vorwurf erfüllte mich faſt mit Scham; ich glaubte meinen Ent⸗ ſchluß entſchuldigen zu müſſen und erwiderte der Excellenz, daß ich wohl gern Soldat würde, wenn ich gleich Lieutenant werden könnte, allein auf dem gewöhnlichen Wege gehe das ſo langſam, daß man ſechs bis ſieben Jahre warten müſſe, ehe man Offizier werde, und wäre man endlich ein ſolcher geworden, ſo müſſe man oft zwanzig Jahre hindurch als Subaltern mit 13 Rthlr. monatlich in den bedrängteſten Zuſtänden hinbringen, bevor man durch Erlangung einer Kompagnie einen eben hinreichenden Lebensunterhalt ſich erſchwinge. Die Generalin entgegnete, daß ſie mir, wenn es von ihr abhinge, ſogleich eine Lieutenantsſtelle verleihen würde und wiederholte, wie ihr Gemahl es ſich zur Pflicht machen würde, für mich die größte Sorge zu tragen.
So endete ein Geſpräch, an deſſen Inhalt ich damals nicht weiter dachte, und doch ſollte daſſelbe entſcheidenden Einfluß auf meine ganze künftige Lebensbahn haben.— Im Herbſt langte ganz unvermuthet meine Mutter in Brieg an und eröffnete mir, der General habe meinem Vater geſchrieben, es böte ſich jetzt eine Gelegenheit dar, mich unter ſehr günſtigen Umſtänden als Junker in ſein Regiment eintreten zu laſſen, indem ein bedeutendes Avancement in der Armee bevorſtehe. Meine Mutter fügte noch hinzu, daß ſte, obgleich ich bisher immer erklärt hätte, meinem einmal gefaßten Ent⸗ ſchluſſe und dem Civilſtande treu bleiben zu wollen, es doch für ihre Pflicht halte, mich von dem Anerbieten des mir ſo gewogenen Generals in Kennt⸗ niß zu ſetzen und die Entſcheidung meiner freien Wahl zu überlaſſen, damit,


