70 Aus d. Leben eines Portepeefähndrichs i. d. letzt. Jahren v. d. Jenaer Schlacht.
daß ich mich endlich, nachdem ich auch ein Küraſſier hatte werden wollen, damit begnügte, in die Infanterie einzutreten. Ein Bruder meiner Mutter aber, der bei der Artillerie ſtand, ſchon manche bittere Erfahrung unter Zu⸗ ſetzen ſeines Vermögens gemacht und im Avancement nicht weiter kommen konnte, mahnte mich ſo dringend vom Ergreifen des Soldatenſtandes ab, ſtellte mir davon ſo abſchreckende Bilder vor Augen, ſchilderte mir deſſen ſchwere Pflichten und große Entbehrungen mit ſo ergreifenden Worten, daß ich die gefaßte Idee aufgab und obgleich mit einiger Ueberwindung mich zum Studiren entſchloß.
Ich ſollte nun tuͤchtig lernen, um wo möglich im achtzehnten Jahre die Univerſttät beziehen zu können. Dadurch wurde mein Fleiß auf's neue angeregt; ich arbeitete mich in den meiſten Lehrzweigen bis nach Sekunda, in einigen ſogar bis nach Prima hinauf. In dieſer Klaſſe wurde mir das Glück zu theil, von dem Rektor des Gymnaſtums, dem beruͤhmten Lexico⸗ graphen Scheller, Unterricht zu erhalten. Noch in meinen ſpätern Jahren ſehe ich den langen, dürren, aber ſtarkgliederigen, höchſt originellen Mann vor mir, wie er die Nachtmutze auf einer Seite des kahlen Scheitels, ohne Halstuch, im grünen, rothgefütterten Morgenrocke, mit herabhängenden ſchwarzen Beinkleidern, unzugeſchnallten Kniegürteln, niedergetretenen Pan⸗ toffeln, unter dem linken Arm die Bücher, mit der rechten Hand die Bein⸗ kleider feſthaltend, aus ſeinem Studierzimmer hervortrat, die thönerne Pfeife ungern an der Schwelle wegſetzte und nach der dicht daran liegenden Prima ſich begab. Zwei Decennien hatte er uͤber der Abfaſſung ſeiner beiden Wör⸗ terbücher zugebracht und ſich damit ein für die damalige Zeit bedeutendes Kapital von gegen 7000 Rthlr. erworben, welches er in Südpreußen anlegte. Leider aber ging ihm daſſelbe und damit die Frucht des angeſtrengteſten Fleißes verloren.
Selten verließ Scheller ſeine Stube, die ihm zur Welt geworden war. Mußte er einmal ausgehen, ſo ſaß die Perrücke ſchief, der Haarbeutel lag auf der Schulter, und ſtets in lateiniſchen und griechiſchen Regionen ſchwe⸗ bend, mit den halberblindeten, gläſernen blauen Augen nach den Wolken blickend, ſtolperte er über jeden Kehrichthaufen und rannte an Menſchen und Häuſer an. Sein Unterricht in den alten Sprachen war ebenſo origi⸗ nell wie er ſelbſt, aber höchſt lehrreich. Da war kein Auswendiglernen der grammatikaliſchen Formen; er fing damit an, einen Schriftſteller leſen zu laſſen und ſuchte dann die Formen und Abweichungen durch die Analyſe


