Jahrgang 
4 (1859)
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Von Karl Seifart. 63

dem Flecken mit einer Gewalt, als ob der Tag des Gerichts gekommen wäre, und ein Wolkenbruch praſſelte nieder, der in wenigen Minuten die Lamme ſo hoch trieb, daß die meiſten Leute nur noch Schutz auf ihren Böden finden konnten. Da nahmen viele großen Schaden an ihrem Eigen⸗ thum, die Spötter aber ertranken alle.

Wir verfolgen jetzt den Lauf des unſcheinbaren Flußchens, welches ſich mit zauberhafter Schnelle in einen verderblichen Strom verwandeln kann, aufwärts und denken im ruͤſtigen Wanderſchritt bald ſeinen von lieblicher Sage umwebten Urſprung zu erreichen. Durch lachende, dörferbeſäete Fluren geht's zu dem braunſchweigiſchen Flecken Bodenburg, und haben wir auch dieſes im Rücken, ſo erhebt ſich vor uns der waldumrauſchteTodtenberg, den wir nicht ſo heiter und ſorglos beſteigen wuͤrden, wenn ſtatt der hellen Tagesſonne nur das ungewiſſe Mondlicht flimmerte oder gar ſchwarze Nacht auf jenen Wäldern lagerte und ſie von jenem grauſen, weithallenden Klage⸗ ruf erbebten, der hier ſchon manch' Mutterkind bis auf den Tod erſchreckt hat. Es iſt ein unheimlicher Ort, dieſer Berg, auf welchem wir jetzt ſtehen, er führt ſeinen Namen von den todten Rieſen, die an ſeinem Ab⸗ hange begraben liegen; deutlich ſehen wir hier noch die ungeheuren Gräber und unterſcheiden leicht das Grab des Rieſenkindes von den Gräbern der Erwachſenen. Ob's dieſe Rieſen ſind, die Nachts ihr unheimlich Weſen treiben und in thurmhoher Nebelgeſtalt über den Anger und durch die erzit⸗ ternden Bäume ſchreiten, oder ob Hackelberg hier ein Lieblingsrevier hat und im Wetterſturm durch die ächzenden Gipfel fährt? Wer kann das wiſſen! Genug, der Ort iſt nicht geheuer.

Weich und melodiſch ertönt ein Glöcklein aus dem Thal heruͤber, welchem wir jetzt zuſchreiten;das Glöcklein klingt und ſingt auf dem Kirch⸗ thurm zu Lammſpringe, und mild und weich wie ſeine Töne iſt auch die Sage, die uns dort manch ſchöner Mund erzählen kann.

Der Ort Lammſpringe führt ſeinen Namen vom Lämmchenſpring oder Lämmchenborn. Dieſer Born öffnete ſich durch die Wunderkraft des Gebets. Vor uralten Zeiten nämlich ſtand auf der Stelle, wo ſpäter das Lamm⸗ ſpringer Mönchskloſter erbaut wurde, ein Nonnenkloſter. Einſt kamen dort die frommen Schweſtern in große Noth, weil in Folge anhaltender Dürre alle Brunnen verſiegt waren und weder für Thiere noch Menſchen das nöthige Waſſer beſchafft werden konnte. Dieſe Noth ſchnitt einer Schweſter recht tief durch die Seele, als ſie im Kloſtergarten luſtwandelnd ſehen mußte,