Jahrgang 
4 (1859)
Einzelbild herunterladen

64 Eine Wanderung nach der Winzenburg.

wie Bluthe und Frucht durch die anhaltende Dürre erſtorben und verdorrt war; ſie warf ſich auf die Knie nieder und flehete im inbrüͤnſtigen Gebet zu Gott, der Noth gnädig ein Ende zu machen und den ihm geweihten Boden mit reichlichem Waſſer zu verſorgen. Kaum hatte die Nonne das Gebet vollendet und ſich geſtärkt erhoben, als ihr Blick auf ein Lämmchen fiel, das ſie aufgezogen hatte und welches ihr wie ein Hündlein überallhin zu folgen pflegte. Das Lämmchen ſcharrte eifrig den Boden und plötzlich entſprang der Stelle, wo das Lämmchen geſcharrt hatte, ein kräftiger, klarer Quell. Da war der Noth für immer ein Ende, und noch bis auf den heutigen Tag ſprudelt dort der Ouell als Urſprung des Flüßchens, welches den Namen Lamme führt. Zum ewigen Gedenken des Wunders ward der Brunnen uberwölbt und das Bild des Lämmchens, durch welches das Wunder ge⸗ ſchehen war, ziert noch heute einen der bemoosten Steine des Brunnens. Das Kloſter Lammſpringe, deſſen ſtattliche Kirche vor uns liegt, wenn wir die freundlichen Häuſerreihen des Orts durchſchritten haben, genoß im frühen Mittelalter ſo hohe Achtung weit und breit, daß auch aus entfernten Gegenden des Reichs Sprößlinge der edelſten und mächtigſten Geſchlechter nicht ſelten in dieſer klöſterlichen Einſamkeit Ruhe im Leben und Ruhe im Tode ſuchten, ſo daß ſelbſt der gewaltige Markgraf Albrecht der Bär ſeine wunderholde Tochter vermuthlich hier einkleiden, gewiß aber beerdigen ließ. Doch jetzt hinein in die erhabenen Einſamkeiten und Tempel der Natur, in die Dome der herrlichen Buchenwaldungen, welche uns den ſchattigen Pfad zurSchanze und zurWinzenburg öffnen. Wie wir die durch gold⸗ grüne und purpurne Lichter ſanft erhellte Waldnacht betreten und es nun rings um uns flüſtert, wie das leiſe Gebet von tauſend bebenden Lippen im hohen Münſter, und wie es über uns hinrauſcht durch die flimmernden Wipfel in mächtigen Akkorden, gleich dem bruſterſchütternden Donnergeſang der Orgel, da fuͤhlen wir, wie die Schaaren unſerer Altvordern fühlen mochten, wenn ihre hehren Heldengeſtalten hier im heiligen Hain verſammelt waren und die Schauer der Nähe des großen Wuotan ihr einfaches, kühnes Gemüth durchſtürmten. Und er haust noch hier, der alte Gott! Wenn auch durch einen Mächtigern herabgeſtoßen von ſeiner ſonnigen Höhe und aus dem Leben des Tags verbannt, ſo iſt ihm doch noch die Nacht mit ihren Schauern gegönnt. Auf weißem Roß braust er als wilder Jäger aus finſtern Wolkenklüften und ſtürmt, wenn alles Lebende ruht und jedes ge⸗ weihte Glöcklein ſchweigt, mit ſelner Windsbraut durch die Wipfel, daß ſie