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Von Karl Seifart. 57
Ertrag gab. Ja, nicht ſelten ſoll man in den dort geernteten Aehren ſilberne und goldene Körner gefunden haben.— Ein reicher Sagenſchatz von hoher Alterthümlichkeit und tiefer mythologiſcher Bedeutung mochte früher über die Lippen des Volks gehen, wenn des Zwergslochs erwähnt wurde, denn ſchon das Wenige, was erhalten wurde, iſt bedeutſam, ſchön und drollig, es tummelt ſich vor unſerer Phantaſte wie der prachtvolle Machaon, der dort mit dem getigerten Segelfalter den Diſtelbuſch auf kahler Höhe um⸗ flattert, und begleitet uns zur„Karbe“, einer öden Bergſchlucht vor Marien⸗ burg, um hier durch die Erinnerung der Sage verdrängt zu werden, die an dem ſchauerlichen Orte haftet, welchen wir jetzt betreten.
Der hart am Ufer der Innerſte ſich hinziehende Thonſchieferhügel, dem wir nun ſchon eine halbe Stunde lang gefolgt ſind, ſpaltet ſich hier in kahle Wände, welche nach unten ſo nahe zuſammentreten, daß das hindurch⸗ fließende Rieſel kaum noch einem Fußgänger Raum läßt. Mit Mühe ver⸗ folgen wir den Lauf des Bachs, der über kleine Abhänge ſtuͤrzend, leiſe plätſchert und murmelt, als habe er Geheimnißvolles zu erzählen. Die Sprache des Baches iſt der einzige Laut, den man in dieſer Einſamkeit ver⸗ nimmt. Plötzlich aber rauſcht und flattert es rings umher, und eine Flucht Krähen hebt ſich lautkrächzend in die Luft. Indem wir unwillkürlich die Flucht mit dem Auge verfolgen und unſere Blicke nach allen Seiten hin⸗ wenden, ſehen wir uns ganz von den Thonſchieferwänden eingeſchloſſen. Da iſt kein Ausgang und kein Eingang und keine Fernſicht, nur ein kleines Stück der Himmelbläue lacht über uns und wir wiſſen, daß wir an„Scha⸗ perjohanns“ feuchtem Grabe ſtehen. Hier nämlich hat der Bach ein breites Becken ausgewuͤhlt und in dieſem ruhen die Gebeine Schaperjohanns.
Schaperjohann war der Name eines zur Zeit des dreißigjährigen Kriegs berüchtigten Räubers und Mammonsdieners, der durch eine lange Reihe von Verbrechen große Schätze zuſammengehäuft hatte. Dieſe vergrub er in der Schlucht und leitete den Bach über den verborgenen Hort. Von Zeit zu Zeit aber begab er ſich in dieſe Einſamkeit, um ſich an ſeinem Mam⸗ mon zu erfreuen und ihn durch neue Beute zu vermehren. Dann dämmte er oberhalb den Bach ab, legte das Flußbett trocken und wühlte gierig in dem unrechten Gute. Bei dieſem Treiben ereilte ihn aber endlich die Strafe. Ein unter erderſchütternden Donnerſchlägen plötzlich herabrauſchender Wol⸗ kenbruch ſchwellte den kleinen Bach im Nu zum reißenden Strom an; der durchbrach den Damm und ſtürzte Felsſtücke vor ſich herwälzend auf den


