Jahrgang 
4 (1859)
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56 Eine Wanderung nach der Winzenburg.

geworfen, bis vor der alles umkehrenden neuen Zeit Thorgewölbe und Mauer, und mit ihnen Kattenbrak und Prallas zuſammenſtürzten. So lange die Bilder ſtanden, liefen jedesmal am Charfreitagmittag die Kinder der ganzen Stadt vor dem Hagenthor zuſammen, denn dann, hieß es, wuͤrden die Steingebilde Schlag zwölf Uhr auf eines Hahnenſchreis Länge lebendig und kehrten ihre ſonſt abgewandten Geſichter der Stadt zu.

Der liebliche Reiz der Landſchaft, welche ſich jetzt reicher und reicher unſern Blicken entfaltet, ruft die Gedanken aus dem Moder entſchwun⸗ dener Jahrhunderte ins friſche Leben zuruͤck. Rüſtig wandern wir, von wogenden Kornfeldern umrauſcht, auf den Höhen dahin, und unſer Auge ſchweift uͤber das friſche Grün der weithingeſtreckten, von der vielfach ge⸗ wundenen Innerſte mit ſilbernen Borden geſchmückten Wieſe zu dem Azur⸗ blau der fernen Berge, welches mit dem altergrauen, von ſtolzen Pappeln umgrünten Schloß Marienburg verſchmilzt und den trunkenen Blick gefeſſelt hält. Eine feierliche, milde Ruhe liegt in dieſer Sonntagsfrühe auf dem weiten grünen Plan, er lockt uns von der kahlen Höhe zu ſeinen weichen Pfaden und, wie ſteil auch der Abhang iſt, wir ſtürmen ihn, wie in fröh⸗ licher Knabenzeit kühn hinab, der Jubelſchlag der Lerche begleitet unſere tollen Sprunge und verſchwimmt, wie wir aufathmend unten auf ſchwellen⸗ dem Raſen ſtehen, mit den tief zum Herzen ſprechenden Tönen des Glöck⸗ leins im fernher ſchimmernden Dorfkirchthurm. Die Töne tragen unſere Gedanken davon und wiegen ſie ein in träumeriſche, wonnige Ruhe, da gähnt uns aus dem Thonſchieferhügel, welcher neben unſerm Pfade herläuft die ſchwarze Muͤndung einer Höhle an, es iſt dasZwergsloch; eifrig flüſtert und nickt ein ſeltſam verzweigter Hagedorn vor dem ſchwarzen Eingang, als plaudere er dort mit unſichtbaren Weſen, die ſeine Sprache verſtänden und theilnehmend zuhörten, wie es einem alten, wetterzerzausten Hagedorn zu Muthe iſt.

Die Zwerge laſſen ſich nicht mehr ſehen, die meiſten ſind längſt aus⸗ gewandert, und der Reſt hat ſich tief in das Innerſte der Höhle zurückge⸗ zogen und vor den zudringlichen Menſchen auf immer verborgen. Vor Zeiten hausten ſie hier als ein großes Volk unter einem mächtigen König, und der Beſitzer der Aecker, welche uͤber dem Zwergsloch liegen, war ein glücklicher Mann, denn die Zwerge waren fleißige Schmiede, und durch die Hitze ihrer immer rauchenden Eſſe, welche den Erdboden weit und breit durchwärmte, gedieh oben das Korn ſo wunderbar, daß es hundertfältigen