Jahrgang 
4 (1859)
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Eine Wanderung nach der Winzenburg. Von

Karl Seifart.

Haſt du Luſt, lieber Leſer, mit mir Blüthen alter Volkspoeſie zu brechen, wie ſie friſch und bunt an einem über Wieſen, Feld und Wald führenden Wege blühen, ſo begleite mich auf eine Wanderung von Hildes⸗ heim nach den Trümmern der Winzenburg, dem uralten Sitz des berühmten Hausgeiſtes Hödeken. Kein anderer Landſtrich im alten Stift möchte dem Sammler oder dem Freunde der Volkspoeſie eine ſo reiche Fülle von Sagen bieten, wie der, welchen wir jetzt durchſtreifen wollen.

Kaum haben wir das ſuͤdliche Thor der altehrwürdigen Stadt ver⸗ laſſen, um den fernen waldgekrönten Bergen zuzuwandern, welche die Thäler von Salzdetfurt und Lammſpringe umkränzen, ſo wandelt unſer Fuß auf dem Anger, welcher das verſunkene Dorf Hohenſen bedeckt. Iſt's eine Sonn⸗ tagsfrühe, in welcher wir unſere Wanderung antreten, ſo dürfen wir uns nur auf dem üppigen Raſen niederlaſſen und das Ohr an die Erde legen, dann wird leiſe heraufklingender Orgelton und Glockenſchlag ausſagen, daß die verſunkene Gemeinde auch in der Unterwelt noch weiß, wie dieſer Tag der Tag des Herrn iſt.

Mitten im Anger ſtoßen wir auf den Torſo eines Steinbildes. Man erkennt nur noch das Bruſtſtück. Das iſt der letzte Reſt vom Bürgermeiſter Prallas, welcher einſt mit ſeinem Spießgeſellen Kattenbrak die Stadt ver⸗ rieth. Die Verräther hatten verſucht, den Feind zum Hagenthor einzulaſſen, wurden aber an ihrem böſen Vorhaben verhindert und zur Strafe ihrer Verrätherei in eiſernen Körben am Thor aufgehängt. Als ſie nun in dieſen Körben geſtorben und verdorben waren, ſtellte man zum ewigen Gedenken der Verrätherei ihre Steinbilder auf der Stadtmauer am Hagenthor auf. Da ſtanden ſie Jahrhunderte lang und wurden von den Kindern mit Steinen