Jahrgang 
4 (1859)
Einzelbild herunterladen

46 Der Fechtmeiſter von Jena.

Degen noch niemand widerſtanden hatte, der für den ausgezeichnetſten Fechter ſeiner Zeit galt, fühlte große Luſt, ſich mit dem Fechtmeiſter von Jena zu meſſen. Incognito naturlich, denn das iſt immer das Beſte, wenn man Churfurſt und König iſt und ſich in ſolche Fährlichkeiten begibt.

An einem ſonnigen heitern Morgen zog der König allein und ſo gut verkleidet, daß ihn alle Welt für einen geborenen Philiſter gehalten hätte, in Jenas Thor ein. Sofort begab er ſich nach dem Fechtboden, allein der Fechtmeiſter war am Tage zuvor verreist und erſt in einigen Wochen zurück zu erwarten. Er hatte dem Gehülfen des Fechtmeiſters ſeinen Wunſch mit⸗ getheilt, den berühmten Kreußler zu ſehen, und dieſer zeigte ihm bereitwillig einige Kunſtſtuͤcke, welche er von ſeinem Lehrer gelernt hatte. Das genügte dem Könige indeß nicht, den Meiſter ſelbſt wollte er ſehen und mit ihm eine Lanze brechen.

Ohne ſich zu erkennen zu geben, verließ er den Fechtboden. Er hatte noch nicht Luſt, ſein Incognito fallen zu laſſen, denn der Phlliſterrock ſaß ihm warm und bequem. Das thun alle Philiſterröcke. Vielleicht bot ſich ihm noch ein anderes Abenteuer dar. Mit der Gemüthlichkeit eines jenenſer Bürgers wanderte er nach der Raſenmühle. Dieſer ſchöne, dicht vor Jenas Thor gelegene Ort wurde ſchon damals viel von den Burſchen beſucht, und auch die Philiſter ſchmuggelten ſich gar zu gern dort ein, denn ihr Verlan⸗ gen nach dem guten Biere, welches dort geſchenkt wurde, war noch größer als ihre Furcht vor den Ziegenhainern der Studenten. Nur in eins der Gaſtzimmer traute ſich keiner von ihnen. Dort ſtanden die gefleckten Ziegen⸗ hainer in der Ecke und ſaßen die Burſchen beim Bier, und dieſe verſtanden es, einen friedlichen Bürger ohne allzuviel Komplimente zur Thür hinaus zu werfen.

Der Wirth zur Raſenmühle war deßhalb auf das höchſte überraſcht, als er den König, den er natuͤrlich für einen Philiſter hielt, in dies Zimmer eintreten ſah. Er wußte, daß es ein Fremder war, denn ein jenenſer Buͤr⸗ ger würde nie ſo tollkühn geweſen ſein, dieſen Raum zu betreten; aber aus Mitleid mit ſeinem Rücken mußte er ihn entfernen, ehe noch einer der Bur⸗ ſchen ins Zimmer trat. Nicht ohne Verlegenheit nahte er ſich ihm und bat ihn, dies Zimmer zu verlaſſen, da es nur von Studenten beſucht werde und die Herren mit den Bürgern und Fremden wenig Umſtände machten.

Mit einem ſpöttiſchen Lächeln hatte der König ihn angehört.Haltet Ihr, fragte er,nicht dies Wirthshaus für einen jeden, der bei Euch ein⸗