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38 Ein unheimlicher Mann.
gewiſſe Herzloſigkeit zur Schau tragen. Was man aber auch immer gegen den alten, weiſen Simon vom Moor ſagen mag, er iſt ein ungewöhnlicher Menſch, der das Herz auf dem rechten Flecke hat, und der eben deßhalb mit einiger Achtung behandelt zu werden verdient.“— Gonthal küßte Eveline's Hand, indem er ſagte:„Um dieſer Bitte willen, die ich gern erfülle, werden Sie mir nur noch theurer.“
Gleich darauf verließ er das Pfarrhaus und näherte ſich dem Kirchhofe. Einzelne Dohlen flatterten krächzend um das ſtumpfe Dach des alten Kirch⸗ thurmes, in den zerſtreut an der Mauer ſtehenden Bäumen rauſchte der Wind, und die über die Mondſichel fliegenden Nebelwolken zogen als dunkle Schatten über Grabhügel und Heideland. Da und dort klapperte in den ver⸗ roſteten Angeln an den Kreuzen eine ſchlecht ſchließende Thur, welche die In⸗ ſchriften und den kurzen Lebenslauf der Verſtorbenen, auf Holz gemalt, gegen die Einflüſſe des Wetters ſchutzen ſollte.
Gonthal ſah ſich nicht um. Seine Gedanken weilten bald bei der lieb⸗ lichen Eveline, deren Herz er gewonnen zu haben glaubte, bald bei Simon vom Moor, deſſen Perſönlichkeit für ihn immer unheimlicher ward. Furcht⸗ ſam war Gonthal nicht, und doch ſchauerte er innerlich zuſammen, als er jetzt an einem offenen Grabe vorüberging, das dicht am Wege lag. Einen Augenblick blieb er ſtehen und ſah hinein. Es ſchien noch nicht fertig zu ſein, denn in der Tiefe lehnten Spaten und Schaufel, als ſei der Todtengräber in ſeiner Arbeit geſtört worden. Ohne ſich irgend etwas dabei zu denken, ging Gonthal weiter, und bald lag der Kirchhof hinter ihm. Als er die Mauerpforte durchſchritten hatte, kehrte er ſich noch einmal um. Der Mond ſchien hell auf Weg und Grabhügel und nirgends war, außer den kreiſenden Dohlen um den Thurm, ein lebendiges Weſen zu ſehen.
Nun hörte er vor ſich Stimmen und Schritte. Sie kamen vom wuͤſten Moor her. Gonthal ging weiter und bemerkte ihm entgegenkommende Män⸗ ner. Einer derſelben war Simon Habermann. Er erkannte den Mann an ſeiner Größe und den weiten Schritten, die er machte. Dem Anſcheine nach unterhielt er ſich vollkommen unbefangen mit ſeinen Begleitern. Jetzt hörte Gonthal, daß er zu dieſen ſagte:„Na, wer hat nun recht? Da ſeh' ich ja ſchon den Herrn Gerichtsdirektor!“— Gonthal blieb abermals ſtehen, um die Herankunft ſeiner Leute mit dem Gefangenen zu erwarten. Es war ihm lieb, daß Simon den Gerichtsdienern ſo willig gefolgt war, obwohl das Zuſammentreffen mit dem wunderlichen Alten ihn etwas in Verlegenheit ſetzte.
Simon vom Moor bot ihm jetzt freundlich guten Abend. Er trug


