Jahrgang 
4 (1859)
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Von Ernſt Willkomm. 27

davon trage. Er behandelte die zum Theil ſchwer Verletzten auf ſeine Weiſe, pflaſterte, ſchnitt und legte gewaltige Verbände an, hatte aber leider wenig Gluͤck. Was Simon vom Moor in zwei bis drei Tagen ohne Anwendung vieler Medikamente gruͤndlich heilte, dazu brauchte Borſtendorn Wochen. Die Leidenden mußten viele Schmerzen aushalten, faſt regungslos im Zim⸗ mer bleiben, magerten ab und ſtanden endlich gänzlich entkräftet als halbe Krüppel wieder von ihrem Schmerzenslager auf. Zwar ſuchte der vielerfäh⸗ rene Regimentschirurgus den Leuten mit gelehrten Phraſen, deren Sinn ſie nicht verſtanden, zu beweiſen, daß eine Heilung auf andere Weiſe gar nicht möglich geweſen ſei, allein uͤberzeugen konnte er damit die Ungläubigen und leicht ungeduldig Werdenden nicht. Zum Ueberfluß beging Borſtendorn dabei noch die Unvorſichtigkeit, daß er den Quackſalber vom Moor, wie er wegwerfend Simon nannte, regelmäßig verkleinerte und ihn als einen Men⸗ ſchen darzuſtellen ſuchte, den eigentlich jeder meiden müſſe.

Dies unkluge Schimpfen und Verläumden machte dem Regiments⸗ chirurgus viele Feinde, um die er ſich jedoch nicht im Geringſten kümmerte. Mehr noch ſchadete ihm eine völlig mißglückte Kur, bei welcher Borſtendorn, wie er ſich ſelbſt geſtehen mußte, nicht ohne Schuld war. Der Todtengräber Peter Laſſen brach das Bein, und zwar zweimal. Auf Beinbruͤche verſtand ſich der alte Regimentschirurgus ſeiner eigenen Behauptung nach aus dem Grunde. Er wollte derartige Schäden tauſendfältig geheilt haben. Der Verunglückte vertraute ſich daher mit einiger Zuverſicht Borſtendorn an, um ſo lieber, als Peter Laſſen nicht auf dem freundlichſten Fuß mit ſeinem Vorgänger ſtand, wenigſtens deſſen Verſuchen in der Heilkunſt keinen Vor⸗ ſchub leiſten mochte.

Borſtendorn heilte nun allerdings die beiden Brüche Peter Laſſens, weil er aber kein vorſtchtiger Arzt war, ſtand der Unglückliche mit einem völlig ſchief angeheilten Schienbeine wieder auf. Von Stund' an nannte ihn jeder den ſchiefbeinigen Peter.

Laſſen ergrimmte darüber, verklagte Borſtendorn bei dem Amte und begehrte Schadenerſatz für die Verunſtaltung, an der niemand als der un⸗ wiſſende Feldſcheer ſchuld ſei. Peter ward mit ſeiner Klage ab⸗ und zur Ruhe verwieſen, und Borſtendorn blies ſich mehr denn je auf. Simon vom Moor aber zuckte lächelnd die Achſeln und erklärte wiederholt, der doppelte Bruch wäre ganz leicht und in viel kürzerer Zeit zu heilen geweſen, ja, wenn Peter Laſſen ſich nichts aus etwas Schmerz mache, ſo wolle er ihm, vorausgeſetzt, daß der geſtrenge Herr Gerichtsdirektor vom Schloſſe ihm die