Von Ernſt Willkomm. 17
es vorzog, mit ſeinem Gaſte ganz allein auf dem kleinen Studierzimmer zu bleiben.
„Nun, wie ſtehen Sie mit Ihrem Propheten vom Moor?“ redete der Geiſtliche ſeinen Gaſt an, als er ſich ungeſtört wußte.„Hat er ſein Gelöb⸗ niß gehalten?“—„Klagen ſind bisher wenigſtens nicht eingelaufen,“ ver⸗ ſetzte Gonthal,„doch jetzt, Herr Paſtor, bitte ich Sie, mir zu meinem eigenen Beſten und damit ich mich etwas mehr in Perſonen und Verhältniſſen der Herrſchaft Moosburg einlebe, einige Aufſchlüſſe über Simon Habermann und deſſen Vergangenheit zu geben.“
„Das ſoll geſchehen, und zwar ſo ausführlich, wie ich ſelbſt es ver⸗ mag,“ ſprach Paſtor Braun. Zugleich nahm er ein großes ſchweres Kirchen⸗ buch aus dem unterſten Bort ſeines Bücherſchrankes und legte es vor ſich auf den Tiſch.„Sie wiſſen bereits,“ fuhr er fort,„daß Simon Habermann vor längerer Zeit auf Moosburg Todtengräber war?“—„Er hat mir dies ſelbſt geſagt.“—„Auch die Veranlaſſung ſeiner Entlaſſung?“—„Nein.“ —„Gerade dieſe Veranlaſſung iſt wichtig, weil bezeichnend für ſeine Be⸗ gabung.“—„Offen geſtanden, ich begreife nicht, was Sie damit andeuten wollen.“
Der Paſtor ſchlug das Kirchenbuch auf und entnahm demſelben ein Heft von wenigen eng beſchriebenen Blättern.„Dieſe Blätter,“ ſprach er mit einer gewiſſen Feierlichkeit,„ſind ein Vermächtniß meines Vorgängers. Sie gehören nicht mir perſönlich, ſie ſind im Allgemeinen an jeden gerichtet, der früher oder ſpäter als Paſtor von Moosburg wirken ſoll. Erlauben Sie, daß ich Ihnen das Intereſſanteſte daraus mittheilen darf?“— Gon⸗ thals Neugierde war auf's Höchſte geſtiegen. Er bat den Geiſtlichen, dieſe Mittheilungen ungeſäumt zu beginnen.— Paſtor Braun ſchlug das Heft auf. Es enthielt, wie Gonthal jetzt bemerkte, eine Art Tagebuch, das jedoch nicht ohne Unterbrechung Tag für Tag fortgeſetzt war. Er las:
„Am 3. Sept. 180*. Heute war ich Zeuge eines ſonderbaren Ereig⸗ niſſes. Das Moor im Winkel war in Brand gerathen und konnte nur mit großer Anſtrengung gelöſcht werden. Einer der eifrigſten Arbeiter ver⸗ brannte ſich dabei das Geſicht in wahrhaft entſetzlicher Weiſe. Der Schmerz preßte ihm laute Klagen aus. Niemand wußte, was dem Unglücklichen am dienlichſten ſein und ſeine furchtbaren Schmerzen lindern könne. Da erſchien der Todtengräber, Simon Habermann, genannt Simon vom Moor. Er hauchte den Verbrannten an, drückte etwas weiches Leinen auf die ſchmer⸗ zende Wunde und kühlte ſie mit friſchem Waſſer. Sogleich verlor ſich der
Hausblätter. 1859. IV. Bd. 2


