16 Ein unheimlicher Mann.
die Meinungen der Verſtändigen je nach dem Standpunkte der Auffaſſung ſtets auseinander gehen werden. Perſönlich berührte ihn die ganze Frage unangenehm. Er war nicht gläubig, am allerwenigſten wundergläubig, und doch wollte man ihm dieſen greiſen Bewohner eines öden Moores im flimmernden Licht eines Propheten, eines Sehers vorſtellen. Es ward ihm ganz unheimlich zu Muthe, und in ſeinem Herzen regte ſich der Wunſch, Simon möge ſich auf einer offenbar geſetzwidrigen Handlung ertappen laſſen, damit er Gelegenheit erhalte, ihn ſcharf zu verhören und ſeinem heimlichen Weſen ſchonungslos nachzuſpüren. Daß er ſelbſt im glücklichſten Falle mit bedeutenden Schwierigkeiten zu kämpfen haben wurde, verhehlte ſich Gonthal nicht, da er ſich ja ringsum nur von Gläubigen umgeben ſah. Der Einzige, der hinſichtlich des Unglaubens ihm zur Seite ſtand, war der Regiments⸗ chirurgus, die Weisheit dieſes Bramarbas aber konnte für ihn leider keine Stütze ſein. Indeß ſetzte er ſeine Hoffnung auf den Zufall, der ja ſo oft eine große und entſcheidende Rolle ſpielt, und in dieſer Hoffnung ſah er dem Kommenden gutes Muthes entgegen.
4. Schauerliche Mittheilungen.
Um nicht neugierig zu erſcheinen, ließ Gonthal einige Tage vergehen, ohne der Einladung des Geiſtlichen zu folgen. In dieſer ganzen Zeit fiel nichts Beſonderes vor. Simon vom Moor ging einigemale am Schloſſe vorüber, eine kleine Butte auf dem Rücken tragend, welche den von ihm ſelbſt bereiteten Saft, mit dem er handelte, enthielt. Auch der Regiments⸗ chirurgus beſuchte den Gerichtsdirektor, war aber ſtets ſehr brummig, da es für ihn durchaus nichts zu thun gab.
Erſt Ende der Woche an einem klaren, warmen Juniabend, wo er ſich beſonders günſtig geſtimmt fühlte, ging Gonthal nach dem Pfarrhofe, der unfern des verwilderten Kirchhofes ſo einſam wie die meiſten Heidenhöfe und Hütten im Moor, zwiſchen niedrigen, mit Ginſter überwucherten Hügeln lag. Eveline gewahrte den Gerichtsdirektor von ihrem Fenſter aus und eilte ihm entgegen. Das junge Mädchen war heute nicht ſo ſcheu und blöde, wie gewöhnlich, was daher kam, daß ſie wußte, Gonthal werde eines Tages gegen Abend zu ihrem Vater kommen. Sie gewann durch das heitere, friſche Weſen, das ſie ungekünſtelt zur Schau trug, und der Gerichtsdirektor fand Eveline zum erſtenmale huͤbſch. Er ſah es deßhalb ungern, daß der Paſtor


