Von Ernſt Willkomm. 13
dem Fehlenden.—„Der gute Borſtendorn hat ſich ſchon ſeit einigen Tagen nicht bei mir ſehen laſſen,“ ſprach Adalbert.„Der Himmel weiß, was ihm durch den Sinn gefahren ſein mag! Im Ganzen quält ihn die Langeweile ſchmählich ſeit meines Vaters Tode, und das macht ihn, wie es ſcheint, bis⸗ weilen mißmuthig. Seine Erzählungen finden nicht mehr die gewünſchte Theilnahme, und ſeinen früͤheren wunderbaren Kuren— denn jetzt drückt ihn die Praxis nicht ſehr— fehlen die Bewunderer. An meinem Vater hatte der gute Borſtendorn ſtets einen aufmerkſamen und, was mehr ſagen will, einen unbedingt gläubigen Zuhörer.“—„Irgend etwas behagt dem Manne neuerdings nicht,“ fiel Paſtor Braun ein.„Ich ſehe ihn bisweilen ſpät Abends noch über den Kirchhof gehen nach dem wüſten Moor. Was er dort will oder ſucht, weiß der liebe Gott!“— Gonthal lächelte.
„Hat er ſich etwa gegen Sie ausgeſprochen?“ fragte Adalbert den Ge⸗ richtsdirektor.—„Borſtendorn iſt mit den Moosburger Einrichtungen un⸗ zufrieden,“ erwiderte dieſer.„Die Geſetze werden ſchlecht gehandhabt, meint er.“—„Sagte er das Ihnen ins Geſicht?“ fragte Adalbert.—„So ziem⸗ lich.“—„Das ſieht dem Bramarbas, der ſich vor jedem Kind furchtet, ganz ähnlich,“ lachte Herr von Moosburg.„Was gaben Sie ihm zur Antwort?“ —„Was ich mußte. Ich verſprach, für ſtrengere Handhabung der Geſſetze Sorge zu tragen.“—„Ueber welche Unzuträglichkeiten beſchwert ſich denn der arme unbeſchäftigte Regimentschirurgus?“—„Vornehmlich über man⸗ gelnde Beſchäftigung überhaupt.“—„Das iſt gut!“ rief Adalbert vergnügt aus.„Ich glaube, es wäre ihm lieber, ich ſchlüge meinen Unterthanen Arme und Beine entzwei, damit er nur Arbeit für Scalpell, Säge und Zange vorfände.“
„Vorerſt würde er ſich wohl zufrieden geben,“ verſetzte Gonthal,„wenn der vielvermögende Herr von Moosburg Unberufenen unterſagte, dem erfah⸗ renen und hochgelehrten Herrn Regimentschirurgus Kranke und Leidende wegzuſchnappen.“—„Im Ernſt?“ ſagte Adalbert.„Sollte er eine beſtimmte Perſönlichkeit im Auge haben?“—„Einen Mann, der ganz dazu angethan iſt, Leuten aus dem Volke die Köpfe zu verrücken.“—„Unſern alten Simon vom Moor!“ ſprach Herr von Moosburg.„Alſo gegen dieſen Allwiſſenden zieht Borſtendorn zu Felde? Wiſſen Sie was, lieber Gonthal? Hören Sie nicht gar zu viel auf die Lamentationen des ehemaligen Feldſcheers und laſſen Sie mir den Alten in Ruhe! Ohne ſeine Geheimmittel und ſeinen glücklichen Griff wären wir hier in dieſer Einöde übel berathen.“—„Sie nehmen den Mann alſo in Schutz, Herr von Moosburg?“ ſagte Gonthal.„Das iſt fatal.“
„Weßhalb? Simon vom Moor thut niemand etwas zu Leide. Er lebt


