———
14 Ein unheimlicher Mann.
ganz ſtill für ſich hin, nährt ſich mit Einkochen von Beeren, deren Saft er verkauft, iſt aber ſtets willig und zuvorkommend, wenn jemand ſeine Hülfe beanſprucht oder ſeinen Rath begehrt. Ich will nicht unterſuchen, auf welche Weiſe er zu ſeinem ſeltſamen Wiſſen gekommen iſt, daß er aber mehr weiß als Tauſende, und daß er manchem gelehrten Arzte Fragen vorlegen kann, deren Beantwortung dieſem arge Kopfſchmerzen verurſachen möchte, daran zweifelt keiner, der ihn kennt. Wir ſelbſt ſind ihm zu Dank verpflichtet, am meiſten meine Schweſter, die Simon von einem höchſt peinlichen Flechtenübel gründlich und auf eine wirklich wunderbare Weiſe geheilt hat.“— Gon⸗ thals Blick ſtreifte von Adalbert fragend auf Beatrix.
„Es iſt wirklich ſo, Herr Gerichtsdirektor,“ beſtätigte dieſe.„Mein Bruder hat die volle Wahrheit geſagt. Kein Arzt konnte mir helfen, das Uebel verſchlimmerte ſich mit jedem Tage, ich ſelbſt war der Verzweiflung nahe! Da entſchloß ich mich endlich, Simon Habermann, der damals noch Todtengräber war, rufen zu laſſen. Schon Monate lang hatten zahlreiche Wohlmeinende mir dieſen Mann als einzigen Retter empfohlen. Der ſelt⸗ ſame Menſch kam, und wie immer, wenn jemand ſeine Hülfe begehrt, trat er mir gleich mit den Worten entgegen:„Ich wußte, daß die Gnädige zu mir ſchicken würde, und habe mich ſchon vorbereitet! Dieſes Wiſſenwollen, ich geſtehe es, machte einen faſt unheimlichen Eindruck auf mich, aber ich nahm mich zuſammen und fragte entſchloſſen, ob er mir helfen könne?„Gnä⸗ diges Fräulein müſſen mir mehr Vertrauen ſchenken, als Sie im Augenblicke zu mir haben,“ ſagte er lächelnd, indem ſeine hellgrauen Augen mit wahrhaft zwingender Gewalt auf mir ruhten.—„Ich glaube feſt an Ihre Kunſt,“ erwiderte ich, gebannt von dieſem Blick und wirklich innerlich uberzeugt, Simon würde mir helfen können.—„Schon recht,“ verſetzte er,„in drei Wochen iſt alles vorbei; dann lebt das Gute weiter und das Böſe iſt ge⸗ ſtorben!“ Dann murmelte er unverſtändliche Worte, bekreuzte die krankhafte Stelle, hauchte ſte an und entfernte ſich. Nach einigen Tagen ſchon fühlte ich Erleichterung, und ehe noch die drei Wochen abgelaufen waren, hatte mein Uebel ſich bis auf die letzte Spur verloren.“
„Das iſt ſeltſam, immerhin aber denkbar,“ ſprach Gonthal.„Der Mann beſitzt jedenfalls magnetiſche Kräfte, er kennt wohl auch ſonſt unſchäd⸗ liche Mittel, und gelingt es ihm, den Glauben ſeiner Patienten zu gewinnen, ſo mag er des Erfolges in den meiſten Fällen gewiß ſein. Ich habe demnach möglicherweiſe unklug gehandelt.“—„Wie das?“ fragte Adalbert.— „Mich verdroß die übermüthige Weisheitsmiene, mit der Simon Habermann


