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Von Ernſt Willkomm. 9
thal.—„Herr von Moosburg lacht,“ erwiderte der Regimentschirurgus,
„dennoch ſagt er, ich ſolle dem Narren ſeinen Spaß laſſen, wie er ſich aus⸗ drückt; das Volk glaube einmal an ſeine Mittel— gerade wie meine Schwe⸗ ſter, pflegt er hinzuzufügen— und ſolchen Glauben oder Aberglauben zu ſtören, führe nie zu etwas Gutem.“—„Weiß Herr von Moosburg um Ihren Entſchluß?“—„Ueberraſchen wird es ihn nicht, wenn er erfährt, daß ich mit meiner Beſchwerde mich an Sie gewandt habe.“
„Nun wir wollen ſehen, was ſich in der Sache thun läßt, Herr Regi⸗ mentschirurgus,“ verſetzte Gonthal.„Ich werde jedenfalls Erkundigungen einziehen über den unberufenen Arzt, werde ſehen, daß ich ihn ſelbſt ſprechen kann. Inzwiſchen ſchaffen Sie die nöthigen Beweiſe herbei und Sie ſollen mit der Gerechtigkeitspflege auf Moosburg vollkommen zufrieden ſein!“ Mit dieſer beruhigenden Verſicherung entfernte ſich Borſtendorn, Gonthal aber beſchloß, zuvörderſt bei ſeinem Freunde Adalbert Erkundigungen über Simon Habermann einzuziehen und ſodann dieſen ſelbſt in ſeiner Hütte aufzuſuchen.
2.
Simon vom Moor.
Gonthal wollte ſein Vorhaben noch an demſelben Tage ausführen, da er häufig Abends mit Adalbert zuſammentraf. Für beſonders wichtig hielt er zwar das Anliegen des Regimentschirurgus nicht, allein es lag ihm ſelbſt daran, den Mann kennen zu lernen, der ſich eines ſo ſeltſamen Rufes er⸗ freute und deſſen Anhang unter dem Volke ſo groß war, daß er unmöglich auf bloßer Täuſchung beruhen konnte. Zu ſeinem größten Erſtaunen ſtand dieſer Mann ihm kaum eine Stunde ſpäter ſchon in Perſon gegenüber. Simon Habermann trat mit den Worten in das Bureau Gonthals:„Ich vermuthe, Herr Gerichtsdirektor, daß Sie die Abſicht haben, mich citiren zu laſſen. Deßhalb komme ich von ſelber. Was ich bei Ihnen ſoll, iſt mir bekannt.“
Gonthal muſterte den Eingetretenen mit forſchenden Blicken. Simon war über gewöhnliche Mannesgröße, ſehr hager, dabei aber muskulös. Den mit ſtarkem weißem Haar bedeckten Kopf trug er etwas vorgebeugt. Sein Geſicht war ſcharf geſchnitten, kantig und dergeſtalt von Wind und Sonne gebräunt, daß man ihn gern fuͤr einen in europäiſcher Kleidung einherſchrei⸗ tenden Araber halten konnte. Die große Adlernaſe verlieh ihm ein geier⸗ artiges Anſehen, beſonders wenn er ſprach und ſeine blitzenden grauen Augen unter den überhängenden weißen Brauen wie Irrlichter funkelten.


