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lands heißt ein Mädchen„Annie“, und ein Knabe, ſelbſt wenn ſein Vater auch ein italieniſcher Marquis geweſen ſein ſollte, der das Fiſchermädchen ver⸗ führte,— wo heißt ein ſolcher Fiſcher⸗ knabe—„Matteo“?— Wo wirft ein Gewitter⸗Seeſturm ein Boot ohne Ruder und Steuer im Kreiſe umher, ſo nahe dem Lande, daß man's beim Blitzſchein erblickt, ohne es ans Land oder in See
zu treiben oder zu verſenken,— eine Stunde lang immer auf dem einen Fleck,— denn ſo lange müßte das
Geſpräch in Wirklichkeit doch etwa ge⸗ dauert haben, das bei dieſer Gelegen⸗ heit im Buch geführt wird und ungefähr zwanzig Seiten füllt, bevor es zur Verſtändigung des Helden und der Hel⸗ din und zur endlichen Hülfe führt!?— Das ſind allerdings Kleinigkeiten, die wir aber auch ſchwerlich erwähnt haben würden, wenn ſich nicht an ihnen zeigte, wie unendlich leicht die Verf. ihre Arbeit nimmt und wie ſehr bei ihr die Phantaſie, ein Einfall, eine Liebhaberei die Wirklichkeit überwiegt. Was wir hier im Kleinen finden, be⸗ gegnet uns aber auch überall im Großen und Ganzen, von deſſen Anführung wir des Naumes wegen abſtehen müſſen. Setzen wir hier nur noch hinzu, daß uns in dem Buch neben aller Ueber⸗ treibung und Maßloſigkeit ein Mangel an Erfindung entgegen tritt, der uns vollends verzagen läßt. Es iſt nicht ein neuer Zug, wir möchten ſagen: nicht ein neuer Gedanke in dem Ro⸗ man. Alles iſt ſo oder ſo ſchon dage⸗ weſen, ſelbſt die unmöglichen Menſchen und die unmöglichen Situationen, denn es gibt leider ähnliche Bücher genug, die aber in unſerm Sinn nur zeigen, wie ein Roman nicht ſein ſoll.
Katharina Diez, Onkel Mar⸗ tin. Stuttgart. Scheitlin. 1859. Die Geſchichte eines kränklichen, träumeri⸗ ſchen, linkiſchen Burſchen, der in ſeiner Jugend überall„das fünfte Rad am Wagen“, mit Herzenstreue und Güte an den Seinen hält, alles für ſie opfert, ihr Wohlthäter und Retter und endlich der vielgeliebte und verehrte„Onkel“ der ganzen weitverzweigten Familie wird— das iſt der kurze Inhalt die⸗ ſes einfachen, wohlthuenden Buchs. Auszuſetzen möchte auch hier manches ſein; es findet ſich hie und da eine Uebertreibung, ein ſentimentaler Zug, der Charakter des Alten iſt hin und wider ein wenig zu hoch geſchraubt; allein das alles verſchwindet leicht vor der Naturwahrheit, Innigkeit und An⸗ ſpruchsloſigkeit des Ganzen. Wiy kön⸗ nen die Verfaſſerin nur auffordern, mit ſolcher Innigkeit, aber auch mit vollem, wahrem Ernſt auf dieſem Wege fortzu⸗ fahren. Da wird es nicht an einem erfreulichen Reſultat fehlen.
Dr. Ludwig Lang, Wolfram von Eſchenbach. Stuttgart. Scheit⸗ lin. 1859.„Der Verſuch, das In⸗ tereſſe für die erſte klaſſiſche deutſche Litteraturperiode im großen Publikum“ auch dadurch zu wecken, daß man die Dichter jener Tage zu Hauptperſonen eines biographiſch⸗hiſtoriſchen Romans erwählt und ſo viel Züge wie möglich aus den Dichtungen ſelbſt nimmt,— kann nur gebilligt werden. Das vor⸗ liegende Buch iſt ein ſolcher Verſuch und zugleich eine tüchtige, fleißige, ge— ſchmackvolle Arbeit, die uns mit vieler Freude erfüllt hat. Wir erhalten eine Darſtellung von Wolframs v. E. Leben und Schriften, die eingehend genug iſt, das vollſte Intereſſe zu wecken und rege


