Jahrgang 
3 (1859)
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10 Der Tannhäuſer.

Aber neben einem ſolchen ſtechenden Dorne der menſchlichen Geſell⸗ ſchaft erſcheinen uns auch hier blühende Roſen, welche das Leben verſchö⸗ nern, prachtvolle weibliche Köpfe, zarte und üppige Geſtalten, die wir mit Erſtaunen ebenfalls kommen und gehen ſehen. Stolz und aufrecht ſchreiten ſie daher, und man könnte glauben, eine Schaar von Fürſtinnen und Hel⸗ dinnen aller Zeiten hätte ſich das Vergnügen gemacht, hier einmal im halben Incognito unter gewöhnlichen Menſchenkindern umher zu wandeln. Wir ſagen im halben Incognito, denn oft verräth uns eine leuchtende Granat⸗ blüthe im blauſchwarzen Haar, trotz dem langen, verhuͤllenden Shawl, daß wir es eigentlich mit einer granadiſchen Prinzeſſin zu thun haben; oder es erzählt uns jene weiße Roſe dort in den blonden Locken, daß die Dame, welche ſich ſo beſcheiden in ihr kurzes dünnes Mäntelchen hüllt, eigentlich ein geborenes Burgfräulein iſt, welches wir ſchon ſahen, ſchmachtend nieder⸗ gebeugt zum ſpiegelnden See, wo die weiße Waſſerlilie blüht, oder Schwäne fütternd, oder Vergißmeinnicht pflückend, oder Gänſeblümchen zupfend, oder einen Liebesbrief leſend, oder dem entſchwindenden Taucher nachſchauend in dem Augenblick, wo die Waſſer alle zurückkommen, ihn aber keines wieder⸗ bringt, oder oder oder doch genug des grauſamen Spiels!

Treten wir lieber in eines dieſer kleinen Häuſer, nicht in das erſte beſte, dazu iſt uns die Geſellſchaft des geneigten Leſers zu lieb, ſondern in eines, wohin wir ihn ſchon zu Anfang dieſer wahrhaftigen Geſchichte zu führen willens waren und es nur auf dieſem Umwege mit Abſicht gethan, da wir uns ſchmeicheln, viel zu gut erzogen zu ſein, um fremden Leuten ſo geradezu mit der Thuͤre ins Haus zu fallen.

Im Atelier.

Das kleine Gebäude, dem wir uns nähern, beſteht eigentlich aus zwei Häuſern, die in einem Garten durch einen Zwiſchenraum von vielleicht dreißig Schritten entfernt liegen; dieſer Garten iſt eingefaßt mit einer Hecke von Weißdorn, und da wir die Thüre nur angelehnt finden, ſo wollen wir ohne viele Ceremonien eintreten. Da wir heute einen ſehr warmen Früh⸗ lingstag haben, ſo ſtellt ſich uns der kleine Garten in ſeiner anmuthigſten Geſtalt dar. Nicht als ob er künſtlich angelegt geweſen wäre, mit verſchlun⸗ genen Wegen, Raſenflecken, Gebüſchpartieen und dergleichen von alle dem ſah man hier nichts; ein paar unbedeutende Obſtbäume, die neben dem Thore ſtanden, warfen dort ein klein wenig Schatten; ſonſt war von

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