Jahrgang 
3 (1859)
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Von F. W. Hackländer. 9

faſt eines jeden derſelben etwas Beſonderes, etwas Verſchiedenes von der übrigen Stadt; an jedem der Gebäude hier, mag es noch ſo unbedeutend ſein, ſehen wir, nach Norden gerichtet, irgend ein Fenſter von ſo unver⸗ hältnißmäßiger Höhe und Breite, daß es durchaus nicht zum Uebrigen paßt; oft ſogar haben dieſe Fenſter eine ſolche Ausdehnung, daß man glauben könnte, man habe ein Treib⸗ oder Gewächshaus vor ſich; ja es ſcheint uns von weitem, als ſähen wir wirklich bunte Blumen an denſelben. Kommen wir aber näher, ſo bemerken wir alsbald, daß das, was wir für Pflanzen oder Blüthen gehalten, bunte Farbenklekſe ſind, womit die Fenſter ſtellen⸗ weiſe, aber ohne allen Zuſammenhang, bemalt ſind.

Paſſend zu dieſen ſonderbaren Häuſern haust aber auch hier ein ſelt⸗ ſamer Menſchenſchlag; meiſtens ſind es junge Leute, die wir ab⸗ und zugehen ſehen, mit lang herabwallenden Haaren, mit großen Bärten, wo die Natur dergleichen beſcheert, mit Kopfbedeckungen vergangener Jahrhunderte oder freier Phantaſteen, breitkrämpige, zugeſpitzte Hüte oder barettähnliche Mützen von Tuch oder Sammet. Den letzteren fehlt nur die Agraffe und aufſtehende Feder, um den Kopf eines Edelknaben der ehemaligen maleriſchen Zeit fertig zu machen. Auch in der Kleidung vieler dieſer jungen Leute iſt ein Uebriges gethan, um ſie ſo verſchieden als möglich zu machen von dem ſpießbürgerlichen Anzug unſerer jetzigen proſaiſchen Zeit.

Zwiſchen dieſen Leuten, die wir häufig mit Mappen unter dem Arme erſcheinen ſehen, bemerken wir aber auch ganz von ihnen verſchiedene Ge⸗ ſtalten, die ebenfalls dort aus den Häuſern kommen oder hinein gehen: alte Männer mit langem, weißem Haar und dichten, graumelirten Bärten, Köpfe von ſo ehrwuͤrdigem Aeußern, daß man ſie augenblicklich und vollkommen paſſend auf die Statue eines Apoſtels ſetzen könnte; ihr Geſichtsausdruck iſt feierlich, ja ehrwürdig, oft tragen ſte lange Hirtenſtäbe in den Händen, in der Art, wie die alten hochſeligen Patriarchen, und wenn ſie ſtatt des ſchäbi⸗ gen, dürftigen Röckchens, das ſite anhaben, mit einem faltigen Talar bekleidet wären, ſo würden uns nur noch Palmbaum und Brunnen fehlen, um eine altteſtamentliche Geſchichte beieinander zu haben, Bilder voll Licht und Schatten; denn während wir hier den Kopf eines ſolchen fürſtlichen Hirten in vollem Glanze zu erblicken wähnen, bemerken wir neben ihm ein Geſicht mit ſo falſchem, widerwärtigem Ausdrucke, daß wir den Träger deſſelben nur etwas gebückt dahin ſchleichen zu laſſen brauchen, den Dolch im Ge⸗ wande, um den prachtvollſten Mörder fertig zu haben, den man ſich nur denken kann.