Jahrgang 
3 (1859)
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6 Der Tannhäuſer.

Unruhe befallen; ſo Morgens um acht Uhr, beim Beginn der Kanzleiſtunde, wo ſie kaum in ihrem durftigen Zimmer zu bleiben vermögen, namentlich aber Mittags um zwölf, wo ſie jeder noch ſo ſehr nach einer andern Rich⸗ tung hin unternommene Spaziergang vor jenes große Gebäude führt, wel⸗ ches in einer der Hauptſtraßen liegend, für Kanzleien erbaut iſt, und wo ſie ſich unter die Schaar ihrer ehemaligen Collegen miſchend, ſich noch ſo zu betrachten vermögen wie damals, als auch noch auf ihren Schultern mit das Wohl des Staates ruhte.

Aber auch noch eine andere Klaſſe von Leuten wohnt in dieſer Straße mit den vierſtockigen Häuſern. Es ſind das Männer über die guten Lebens⸗ jahre hinaus, oft von Alter und Strapazen gebeugt, die aber in ihrem Auftreten, in ihrer Art zu gehen, in der Haltung des Körpers, wenn das irgend möglich iſt, noch etwas Strammes zur Schau tragen, ſei es auch nur in der Haltung des Kopfes oder in der abgemeſſenen Bewegung des Ellenbogens. Man könnte viele von dieſen Leuten mit dem Ausdrucke: Geſpenſter des Tages bezeichnen; denn wie die wirklichen Phantome ſich nur in der mitternächtigen Stunde zwiſchen Zwölf und Eins öffentlich ſehen laſſen, ſo dieſe nur zu Mittag, wenn die Militärparade aufzieht. Da erſcheinen ſie plötzlich, aus den verſchiedenſten Seitenſtraßen auftauchend, entweder mit der Muſik marſchirend oder die Truppe mit einer Geberde der Zuſtimmung oder einem Zeichen des Mißfallens an ſich vorüber ziehen laſſend. Im Gegenſatz zu den penſionirten Beamten tragen dieſe Herren eine hohe, ſteife, ſchwarze Halsbinde und meiſtens eine Mütze mit der Farbe ihres früheren Regiments und einer kleinen Cocarde verſehen. Ob ſie bei der Infanterie oder Kavallerie gedient, erkennt man leicht am Schnitt des Bartes; der Infanteriſt trägt ihn klein, oft zu ein paar unbedeutenden Punkten zuſammenraſirt, der Kavalleriſt dagegen lang, herabfallend oder wenn er ſich noch zu Anſprüchen berechtigt hält, keck hinaufgedreht. Am beſten aber unterſcheiden ſich beide Waffengattungen in ihren Penſionären durch die verſchiedene Gangart; während der ehemalige Infanteriſt etwas darauf hält, daß immer noch ſeine Fußſpitzen zuerſt den Boden berühren und daß ſich das Bein ſo geſtreckt wie möglich präſentirt, befleißigt ſich der Andere einer ausgeſuchten Nonchalance, geht ziemlich breitſpurig und ſchlen⸗ kert bedeutend mit dem linken Fuße, wenn er Huſar geweſen iſt. Eigen⸗ thümlich iſt, daß beide Arten häufig und gern Sporen tragen, wobei denn der ehemalige Hauptmann gewiß nicht ohne Sprungriemen erſcheinen wird, der alte Rittmeiſter zu Fuß aber darauf durchaus nichts hält und es ganz