Jahrgang 
3 (1859)
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2 Der Tannhäuſer.

ſowie wir uns dort einem zahlreich überbruͤckten Bache nähern die Gerber bei einander hauſen, und weiter oberhalb, wo das Waſſer des Baches noch klarer iſt, die Schönfärber, finden wir auch ſehr natürlich; daß wir aber auf unſerem Gange durch die Straßen in einigen derſelben andere Gewerke, die durchaus von keiner Oertlichkeit abhängig ſind, beiſammen und ſo zahlreich vertreten finden, kann einigermaßen unſer Staunen erregen. Und doch iſt es ſo, wie jeder ſich uüͤberzeugen kann, der ſich die Mühe nimmt, durch eine unſerer mittelgroßen deutſchen Städte aufmerkſam zu flaniren.

Daß daneben die ganze Handwerkerſchaft wieder einen beſonderen Theil der Stadt ausmacht, ſich namentlich, wie ſeit unvordenklichen Zeiten, um Marktplatz und Rathhaus herum ſchaart, iſt ebenfalls noch ganz genau erſichtlich. Da, in den ſchmalen Häuſern mit den ſpitzen, verſchnörkelten Giebeln, die ſich nicht ſelten altersmüde vornuͤber beugen, drängt ſich ein Laden, eine Werkſtatt an die andere. Hier hört man immer noch das Klopfen des Hammers, das Knirſchen der Feile; hier ſind auch größere Magazine, die ſo viel wie möglich in erweiterten Räumen, in großen Spie⸗ gelfenſtern ſich der Zeit angepaßt haben, dadurch aber bei der Beſchränktheit der Lokalitäten den Kaufmann ſelbſt, der früher im dunklen Stübchen hinter dem Laden mit ſeiner Familie gehaust, jetzt zum Auszug zwangen in die benachbarten Straßen, wo es luftiger, heller, wohnlicher iſt. Haben es doch auch größere Handwerker ſo gemacht; die Werkſtätten im alten engen, wink⸗ ligen Theile der Stadt ſind geblieben und nun ſchuld daran, daß jene Stadttheile des Abends, wo der Hammer ruht, wo der Laden geſchloſſen iſt, ein ſo trübes, ödes, faſt unheimliches Anſehen haben. Da ſieht man nicht mehr wie früher die Familie des Meiſters oder des Ladenbeſitzers, während er ſelbſt auf der Rathſtube ſeinen Schoppen trinkt, auf der Bank vor der Hausthür ſitzen, lachend, ſingend oder mit den befreundeten Nach⸗ barn plaudernd.

Das iſt vorbei. Ein helles Gaslicht beleuchtet verſchloſſene und ver⸗ riegelte Thüren und Fenſter, und wir müſſen ſchon ein paar Straßen weiter gehen, um in belebtere Gegenden zu kommen, wo große Handwerker oder Ladenbeſitzer ihre comfortableren Wohnungen haben. Aber auch hier iſt die Bank vor der Hausthur verſchwunden, es wäre ſehr gegen den Anſtand, wenn dort die Töchter des Hauſes ſitzen würden und wenn der Danziger oder der Berliner ſich unterſtehen wollte, ihnen etwas von ſeiner Heimat zu erzählen. Vorbei alles das! Droben iſt ein Fenſterflügel geöffnet, und wir hören die Töne eines Pianoforte. Es iſt das Fräulein Mine oder