Von Leopold Gildemeiſter. 471
„du weißt wohl noch, Tante, was ich dir damals von— jenem Weibe ſchrieb, das Amandus ſo— ſo— in Affection genommen!“ Hierbei lacht ſte verzweiflungsvoll, und ich werde endlich wirklich auch heftig und rufe: „biſt du wahnſinnig, Philippine?“—
Da entquillt dem dritten Kinn der Tante ein viertes, ſte wendet mir ein paar ſchrecklich runde Augen zu und bemerkt:„Sie ſcheinen ſelber wahn⸗ ſinnig zu ſein, Herr Neffe, daß Sie ſolche Ausdrücke gebrauchen und zwar
gegen Ihre Frau in ſolchem Zuſtande!“—„Aber was in des Himmels Namen ſoll ich denn ſagen,“ rufe ich in Verzweiflung,„wenn man derar⸗ tigen Unſinn aus der Luft greift, wenn—“.—„Schweigen ſollen Sie,
an den Zuſtand Ihrer Frau denken und in ſich gehn. Es gibt keinen Mann, Herr Neffe, gegen den ſich in ſolchen Beziehungen nicht leider etwas und ſtets mehr als genug anführen ließe.“
Was ſagen Sie zu dieſer Scene, liebe Baſe? Ich habe ſie Ihnen mitgetheilt, wie ſie ſich begab.— Vor allen Dingen ſagen Sie mir, ob es immer oder doch häufig paſſirt, daß die Frauen in ſolchen Zuſtänden zeit⸗ weiſe ihren Verſtand verlieren, oder ob es vielleicht nur bei Philippinen eine nicht grade leichte Zugabe iſt?— Das beſte dabei iſt wenigſtens, daß dieſe Zugabe nur eine zeitweiſe zu ſein ſcheint, da die Einfälle und Vorwürfe ſeitdem nicht wiedergekehrt ſind und meine Frau im Ganzen ſogar wieder munterer und gegen mich freundlicher geweſen als bisher.
Mit der Tante ging es gleichfalls ein paar Tage beſſer, dann aber war es plötzlich ganz vorbei, da— doch ich will Ihnen auch noch dieſe Scene geben, wie ſie geſpielt wurde.
Wir ſitzen bei Tiſch, die Kriegsräthin erklärt, daß es auch mit dieſen beiden Mägden nicht gehn und ein Wechſel nothwendig ſein werde; die Damen reden darüber hin und her, und ich ungluͤckſeliger Menſch— ich
gebe zu, daß es dumm von mir war, liebe Baſe!— wage mich mit der demüthigen Bemerkung dazwiſchen: dies ſcheine mir doch recht betrübt und für uns ſehr wenig erſprießlich.—„Wiſſen Sie's beſſer zu machen, Herr
Neffe?“ fragt die Tante ſcharf.—„Nein, ich nicht, Frau Tante,“ ſage ich; „es müßte denn ſein, daß man ſich wohl oder übel bis zum nächſten Quartal durchſchlägt und ein Auge zudrückt. Man hat dann eine größere und ſicherere Wahl.“—„Bah, was wiſſen Sie davon? Die hat man auch jetzt, man muß nur eben prüfen und nicht nachlaſſen, bis man findet. Dann erſetzt der Fund auch alle frühere Unbehaglichkeit.“—„Alle, Frau Tante?“—„Ja,


