Jahrgang 
2 (1859)
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G.

Von Leopold Gildemeiſter. 4 69

könnte einen Orden für ihre Verdienſte bekommen und würde ihn mit allen Ehren tragen.

Sie mögen denken, liebe Baſe, daß die Sache doch nicht ſo arg ſein kann, da ich noch zu ſcherzen vermag. Allein glauben Sie mir, aus einem fröhlichen Herzen kommt mein Scherz nicht. Ich hab's nur, wie Sie vielleicht wiſſen, immer an mir gehabt, daß ich in den trübſten Stunden den abweichendſten und abſonderlichſten Einfällen unterlag.

Als ich Ihnen zuletzt, vor Ablauf der erſten Beſuchswoche ſchrieb, konnte ich Ihnen nichts anderes als Gutes ſagen; ich mag meine damaligen Worte nicht wiederholen. Es ging noch ein paar Tage ſo fort, und wenn ich es zuweilen auch blitzen ſah, konnte ich doch von einem Donner noch nichts vernehmen. Nur beunruhigte es mich etwas, daß ich, nachdem ſie Philippinen oder vielmehr den Mägden die Führung der Wirthſchaft abge⸗ nommen und ſie in einer, wie ich ſchon neulich ſagte, feſten Hand hielt daß ich ſeitdem daſſelbe zu bemerken und beklagen hatte, was ich fruͤher an meiner Frau erlebte. Sie wollte ſich ebenſo wenig der hieſigen Weiſe fügen, vielmehr nur den heimiſchen Gewohnheiten folgen und dieſelben auch hier zur Geltung bringen. Nun wiederhole ich's ſte verſteht und kennt, was ſte angibt, was ſie will, aber die Sache wird dadurch nicht beſſer, und ſie rennt, ſo gut wie früher Philippine, mit dem Kopf gegen eine Wand, die ſie nicht um- oder durchſtößt. Ja ſchlimmer, denn einerſeits verſteht ſie die hieſige Volksſprache gar nicht und wird auch ſelber von den Leuten nicht verſtanden, und andrerſeits beharrt ſie als alte und perfekte Hausfrau noch viel entſchiedener auf ihrem Kopf und ihren Erfahrungen als ſelbſt meine kleine ſtörriſche Gattin es vermochte.

Nun hatte Philippine, ich weiß nicht, ob aus Ueberdruß oder Bequem⸗ lichkeit, den Kampf längſt ſchon aufgegeben und die Dirnen im Grunde ihrem eigenen Kopf und Willen überlaſſen, wobei wir denn eigentlich und ſo viel wir ſehn konnten, grade nicht ſchlechter dran waren. Denn beide gehören nicht zu den ſchlimmſten, haben wenigſtens, was hier ſonſt nicht im Uebermaß der Fall, doch eine Ahnung von Reinlichkeit, ſind nicht immer ſtörrig und eigenſinnig, und daß ſie uns direkt betrogen, glaube ich nicht. Sie haben es wenigſtens ſicher ſeltener und in geringerem Maß gethan, ſeit meine Frau ihnen alles allein überließ. Nun hieß es aber mit einemmal wieder aufpaſſen, gehorchen und ſich einem fremden Willen fügen. Die Tante Kriegsräthin machte ihnen und der ganzen bei uns herrſchenden