Von GEliſe Polko. 13
der mehr Laſt und Arbeit davon haben wird, daß ich gehe, denn ich werde dir allerlei Aufträge hinterlaſſen. Du mußt die Vögel füttern und nach meinen Blumen ſehn und jede Woche einmal meine Epheuwund abwaſchen. Daß du die Eltern aufheitern mußt, verſteht ſich ganz von ſelbſt.“—„Ich ſoll den Eltern rathen, dich fortzulaſſen?“ wiederholte er noch einmal wie im Traume.„Nein, Eliſabeth, das thue ich nicht— das kann ich nicht!“ ſetzte er faſt heftig hinzu und richtete ſich hoch auf.
Mehr betrübt als erſtaunt über ſeine Weigerung hatte ſie langſam ihrt Hände zuſammengelegt und ſah ihn ſtumm und bittend an.— Es gibt Momente, in denen uns das Bild eines Menſchen, wie er eben vor uns ſteht, plötzlich gleichſam ins Herz gepreßt wird. Die Seele nimmt ein Photographie⸗Porträt auf, und dies Porträt iſt unverwiſchbar, wir ſehen fortan dieſe Geſtalt nur ſo, wie ſie uns in jenem Augenblick erſchien, und weder Trennung, noch Alter vermag einen Zug in ſolchem Bilde zu ver⸗ aändern.
Wenn der junge Kandidat von dieſer Stunde an des Mädchens ge⸗ dachte, ſo ſah er ſie in einem blaßrothen weiten Sommerkleide, eine Epheu⸗ ranke um die Flechten geſchlungen, eine verwelkte Roſe im Gürtel, das kleine ſeidene Tuch, das ſie eben vom Halſe genommen, ſpielend um das Handgelenk geſchlungen, mit dem wunderbaren Ausdruck von Sehnſucht und Erwartung in dem blühenden Geſicht, die Augen auf ihn gerichtet, deren lange dunkle Wimpern ihrem Auſſchlag einen ſo eigenthüͤmlichen Zauber gaben.
Da er nicht antwortete, ſo fragte ſie noch einmal, aber ungeduldiger: „Und warum nicht?“ Da zuckte es über ſein Geſicht— ſein Athem ſtockte — die Lippen öffneten ſich—.
„Herr Neffe, wollen Sie mir wohl den Korb heraufreichen? Eliſa⸗ beth, der Vater verlangt nach einer neuen Pfeife!“ rief die Paſtorin.— Der junge Mann fuhr auf, wandte ſich mechaniſch und ſchritt auf das Spalier zu.— Eliſabeth folgte gedankenvoll.
An demſelben Abend, vor Schlafengehen, fiel die Tochter der Mutter um den Hals und bat ſie ihr zu erlauben, das Anerbieten des Direktors aus F. anzunehmen.„Ich möchte gar zu gern eine Malerin werden!“ ſagte ſie aufgeregt. 7


