Jahrgang 
2 (1859)
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10 Eliſabeth.

Zeichnung geredet, ihr jedoch einfach geſagt, daß er ſelbſt fernerhin ihr Begleiter ſein werde auf ihren ſonſt ſo zwangloſen Spaziergängen.

Anfangs fühlte Eliſabeth in dieſer Neuerung einen unerträglichen Zwang, bald aber fügte ſte ſich in das Unabänderliche, und kurze Zeit dar⸗ auf war ſie wieder das heitere lebensfrohe Mädchen, das ſie bisher geweſen. Auch ihr Verhältniß zu ihrem Vetter behielt nur wenige Tage lang eine eigenthümliche Spannung, dann warf ſie ihm wieder wie zuvor ihren Blu⸗ menſtrauß ins offene Fenſter, wenn ſie Morgens aus dem Garten kam, und quälte ſich redlich, um keine Schelte von ihm zu bekommen, mit ihren fran⸗ zöſiſchen Aufgaben. Auch zeichnete ſte ihn wieder, zu ihrer Uebung, wenn er mit dem Vater Schach ſpielte, im Profil, en face und Dreiviertel, und übte geduldig jeden Tag vierhändige Kirchenlieder mit ihm.

So ging ein Tag nach dem andern hin, die Morgen, Mittage und Abende ſahen ſich gleich, wie ein Ei dem andern. Und dennoch fühlte Cli⸗ ſabeth nie Langeweile oder irgend eine Sehnſucht nach Abwechslung. Zu⸗ weilen hätte ſie wohl gern einmal andere Buͤcher gehabt, als Friederike Bremers Werke und Schillers Geſchichte des dreißigjährigen Krieges, ſeine Dramen gab ihr der Vater nicht, und die verſchiedenen Reiſebe⸗ ſchreibungen, aus denen Vetter Gottfried Abends vorzuleſen pflegte, machten ſie oft gewaltig müde, es ſchlief ſich aber auch um ſo beſſer darauf. Zudem drängte ein ſonniger Tag oder eine Partie in den Wald dieſe Wünſche wie⸗ der für eine Weile in den Hintergrund. Freilich ſtanden dafür andere auf, wie z. B. der Wunſch, jene alte Kapelle auf der buſchigen Anhöhe einmal zu beſuchen, wo ein wunderthätiges Marienbild ſtand, welchen Ort zu betreten ihr der Vater jedoch ſchon vor Jahren ein⸗ für allemal ſtreng unterſagt.

Seltſam, ſeitdem jene Geſchichte mit der Zeichnung vorgefallen, war eben dieſer halb vergeſſene Wunſch plötzlich in ihr mit faſt ungeſtümer Leb⸗ haftigkeit wieder erwacht, ſie träumte ſogar die Nacht von jener ſtillen Kapelle mit den bunten Scheiben, und von den vielen Herzen von Wachs, die man der Maria geſchenkt, wie ihr ein kleines Mädchen aus N., der ſte einmal verſtohlen einen Maiblumenſtrauß abgekauft, erzählt hatte. Mit der Mutter wagte ſie ſchon eher über dieſen Herzenswunſch zu reden aber helfen konnte ihr die Paſtorin auch nicht, ſie ehrte in allen Dingen, die ſich auf Religion bezogen, ihren Mann ſehr, und bemühte ſich nach Kräften, der Tochter diestolle Verlangen, wie ſie es nannte, aus dem Kopfe zu