Von Eliſe Polko. 9
Lächeln:„ich habe die Prozeſſion gezeichnet, wie ſie vor dem Allerheiligſten auf den Knieen lag.“
Wie von einem Dolchſtich getroffen ſprang der Paſtor auf.„Alſo mein eigenes Kind macht das mit?“ rief er bebend vor Zorn.„Und das muß ich erleben? Ich?“— Er ging mühſam athmend auf und ab.— Keiner regte ſich.— Da fragte die weiche Stimme des jungen Mädchens ſehr ernſt: „War das denn ein Unrecht, daß ich Betende zeichnete? Ich habe ſie ja nicht geſtört, ſondern kniete mitten unter ihnen, Vater!“—
Niemand antwortete.— Der Paſtor biß ſich, gewaltſam nach Faſſung ringend, auf die Lippen— wandte ſich dann plötzlich um und ſchritt dem Hauſe zu.
„Sie haben das Beſte des Kindes gewollt, Gottfried,“ ſagte die Pa— ſtorin freundlicher als gewöhnlich, indem ſie die Taſſen zuſammenräumte; „ich ſehe das jetzt ein. Ihre Schuld war es nicht, daß der Verſuch, das Kind aufmerkſam zu machen, mißlang. Du haſt deinem Vetter den trotzigen Blick von vorhin abzubitten, Eliſabeth!“
„Ich mag mich lieber ſchelten laſſen vom Vater, als zuſehn, wie man mir meine Zeichnungen zerreißt,“ antwortete ſte, mehr traurig als trotzig. „Daß es der Gottfried gut meinte, ſehe ich ein.“— Dabei nahm ſie aber ihren Hut und ihr Zeichenbuch und ging den Kiesweg hinab, ſchlug dann einen Seitenweg ein und ſtand nun vor der niedern Kirchhofmauer. Sie ſetzte ſich auf den Rand des Gemäuers und ſah hinüber in den ſtillen Garten der Todten, und wohl kein Lebender hätte jene Fragen beantworten können, von denen eben jetzt dies junge heftig ſchlagende Herz übervoll war.
Dies anſcheinend unbedeutende Ereigniß hatte gewichtigere Folgen als Eliſabeth träumte.— Von jenem Tage an durfte ſie nicht mehr allein ſpa⸗ zieren gehen. Der Vater erlaubte ihr nur im Garten, auf dem Kirchhofe oder im Hauſe zu zeichnen, ihre Spaziergänge unternahm ſie fortan nur in ſeiner Begleitung und ohne ihr Zeichenbuch. Alle jene Heiligenbilder, die ſie ſo gern in ihren kleinen Landſchaftsſkizzen anzubringen pflegte, wurden auf Befehl des Vaters daraus verbannt, ſelbſt kein einfaches Kreuzlein am Wege duldete ſeine ſtrenge Kritik. Alles, was nur im Entfernteſten an den Katholicismus erinnern konnte, ſollte auf das Beſtimmteſte vermieden wer⸗ den. Er hatte mit ſeiner Tochter nicht ein Wort über jenen Vorfall mit der


