Von Edmund Hoefer. 13
Mittel genau kannte und niemals mehr unternahm, als ihr dieſelben bequem möglich machten. Die Verbeſſerung des Beſitzes nahm von Jahr zu Jahr zu, die Einnahmen wuchſen langſam, aber unaufhörlich, und alles verſprach die kleine Hildegard dereinſt zu einer der reichſten Erbinnen in der Umge⸗ gend zu machen, bis ein plötzlich angeſtrengter rozeſ den Beſitz der Mutter und das Erbe der Tochter in Frage ſtellte.
Ein entfernter Verwandter der Familie Lindow, der bisher mit der Präſtdentin in durchaus freundlichem Verkehr geſtanden, erhob nämlich mit einemmale und ohne daß man recht begriff, weßhalb oder auf weſſen Ver⸗ anlaſſung, Einſpruch gegen jene Beſtimmung des Hausgeſetzes, welche ſeit dem Ausſterben der directen männlichen Linie, die Beſitzung Lindow in der weiblichen forterben ließ. Bei dem Tode des letzten Freiherrn von Lindow waren die Nebenlinien in anderer Weiſe und zu ihrer Zufriedenheit abge⸗
funden worden, und der damals regierende Fürſt hatte der hinterlaſſenen
Tochter das Erbrecht für ſie ſelbſt und ihre Nachkommen perſönlich für alle Zeiten beſtätigt, ſo daß dieſe Angelegenheit vollſtändig geordnet zu ſein ſchien und in den achtzig bis hundert ſeitdem verfloſſenen Jahren niemals wieder zur Sprache gebracht worden war.
Der Einſpruch des Verwandten kam Moritz daher auch ſo unſinnig vor, daß er der Mutter den Rath gab, ſich gar nicht weiter darum zu be⸗ kümmern, als daß ſie bei einem etwa anberaumten Termin durch irgend einen Advokaten ihr Hausgeſetz vorlegen laſſe. Der Erfolg und die Ent⸗ ſcheidung könnten nicht zweifelhaft ſein.
So ſchnell und leicht war dieſe Angelegenheit jedoch nicht abgethan; ſte entwickelte ſich vielmehr zu einem wirklichen langen und erbittert geführ⸗ ten Prozeß, der das Recht der Präſidentin auf das ernſtlichſte in Frage ſtellte, alle Inſtanzen durchmachte und erſt in der letzten mit Mühe und Noth für die Beſitzerin gewonnen wurde.
Die erſte Kunde von dieſer Entſcheidung erhielt die Präſidentin durch Moritz perſönlich. Er war kurz zuvor zum Chefpräſidenten ernannt worden und mehrere Wochen in der Reſidenz, bei ſeiner Rückkehr aber ſo von Ge⸗ ſchäften überhäuft geweſen, daß er ſeit Monaten die Mutter nicht mehr geſehn und verhältnißmäßig auch nur wenig von ihr erfahren hatte. Er erſchrack bei ſeinem jetzigen Beſuch daher aufs äußerſte über den Anblick der Frau, die ſtatt rüſtig und ſtattlich ihm jetzt ſo bleich und ſtech entgegenkam, als ſei ſie inzwiſchen um viele Jahre gealtert und kaum von einer ſchweren
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