12 Das Burgfräulein.
nicht in höherem Maße hätte weihen können, und er ſah mit wahrhaftem Glück, daß ſogar ſeine Gattin, die ſonſt leider nur wenig Sinn für ein herzliches ein faches und häusliches Leben zeigte, ſich der nun ſchon bejahrten Frau mit einer Art von innigem Gefühle zuneigte und ernſtlich um ihre Gunſt warb.
Kurz, es geſtaltete ſich zwiſchen dem Hauſe in der Stadt und dem Schloß auf dem Lande ein gar freundliches, anmuthiges Verhältniß, deſſen größter⸗Reiz faſt darin beſtand, daß die Häufigkeit des perſönlichen Verkehrs und des wirklichen Sehns durchaus nur von dem herzlichen Verlangen abhängig war, welches die Menſchen die Wege hinaus oder hereinfüͤhrte und zu einander zog.
Wenn Moritz vor ſeinem Schreibtiſch ſaß und durch das Fenſter über den Garten und die nahe Stadtmauer ins Weite ſchaute— er war ein
Menſch der Luft und des Lichts und hatte im Hauſe die am höchſten gelege⸗ nen Zimmer zu ſeiner eigenen Wohnung erwählt— ſah er in dem fernen dunklen Waldſaum die noch dunklere Stelle, welche die nach Lindow durch⸗ führende Landſtraße andeutete. Dort, ein wenig rechts, zeigte ſich auf einer kleinen Blöße im tiefen Walde ein Häuschen— die Wohnung eines Wald⸗ wärters— und eine Linie, die man darüber hinaus noch eine Stunde weit ins Land hinein verlängerte, traf grade auf das alterthümliche Schloß der Mutter. Ja, er ſah oft hinaus, der ernſte, kalte Mann, und ſein Auge ward dann freundlich, ſeine Lippe murmelte zuweilen ein herzliches, wenn auch leiſes:„gruͤß Gott, Mutter!“— und manchmal warf er dann die Acten auf die Seite, ſprang mit jugendlicher Raſchheit auf, nahm ſein
Jagdgeräth von der Wand— denn er war dazumal ein leidenſchaftlicher Jäger— eilte die Treppen hinunter und wanderte allein, oder auch wohl
ſeine Frau am Arm, heiter durch Feld und Wald, um die da drüben zu überraſchen und für ein paar Stunden heimzuſuchen. Er wußte im voraus, wie herzlich die Mutter ihm lächelnd und nickend vom Balkon aus beide Hände entgegenſtrecken werde.
Die beiden Verwandten erhielten auch bald noch eine weitere Veran⸗ laſſung zu häufigem Verkehr. Moritz hatte mit dem übrigen Nachlaß ſeines Vaters auch die von dieſem bis dahin theilweiſe geleitete Verwaltung des Vermögens übernommen, welches die Präſidentin ſelbſtändig beſaß. Die Geſchäfte waren leicht und einfach, denn die Präſidentin war eine muſter⸗ hafte Wirthin, die auf Ordnung hielt und überall Beſcheid wußte, ihre
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