10 Das Burgfräulein.
keine gekannt, eine Frau, wie ſein Vater ein Mann— beide in ihrer Art und auf ihrer Stelle das Vollkommenſte, was er ſich zu denken vermochte.
Daß er ſeinerſeits gleichfalls der Mutter gefiel, brauchen wir nach allem bisherigen wohl kaum noch zu ſagen. Sie fand in ihm nicht nur den Jüngling von angenehmem Aeußern, in deſſen durch und durch geſundem Körper ein ebenſo geſunder Geiſt ſich regte, ſondern auch den jungen Mann von Charakter und einer ungewöhnlichen Reife des Verſtandes, der Anſich⸗ ten, des Urtheils. Sie erkannte daneben auch mit großer Freude jenen, wenn auch tiefliegenden, doch nicht abzuleugnenden Kern von Herzenswärme und Gemüth— mit einem Wort, ſie fand ihn, wie wir ihn oben in fluͤchtigen Zügen gezeichnet, fühlte ſich im Ganzen dadurch auf das angenehmſte über⸗ raſcht und angezogen, und gönnte ihm bald ihr volles, herzliches Ver⸗ trauen. Daß der erfahrenen, klugen und klaren Frau daneben auch die Schwächen des Jünglings nicht verborgen blieben, iſt natuͤrlich; ſie ſchuͤttelte den Kopf uͤber manche Kälte und Härte, über die, in ihren Augen oft zweckloſe und unnatürliche Selbſtuͤberwindung des noch ſo jungen Menſchen; ſie ſuchte oft mit leiſem Wort und leiſer Hand die Schärfe und Strenge zu mildern, die ſich zuweilen bei Moritz im Reden wie im Handeln kund gab, und that alles, was ſie vermochte, um das Herz des Sohnes häufiger vor ſeinem Kopfe zur Geltung kommen zu laſſen.
Zwei Jahre nach dieſer Zeit, im Spätherbſt 1813, als der Präſident in einer der wiedereroberten Provinzen die Verwaltung ordnete und leitete, und der Sohn, der wie tauſend Altersgenoſſen die Waffen ergriffen hatte, in den Quartieren am Rhein von allen Strapazen ausruhte, empfingen beide die Nachricht, daß die Präſidentin ein Mädchen geboren habe, eine neue junge Herrin für das alte Stammgut Lindow. Beide machten ſich auf ein paar Wochen von ihrem Dienſte frei, um der Taufe der Kleinen beizu⸗ wohnen, welche mit dem hundertjährigen Familiennamen Hildegard benannt wurde. Bei dieſer Gelegenheit ſahen ſich der Präſident und Moritz, einen ebenſo kurzen Aufenthalt des Letzteren nach vollendetem Kriege abgerechnet, zum letztenmal. Denn nach dem Frieden nahm der Sohn ſeine Carriere ſogleich wieder auf, erhielt eine Anſtellung in einem ſehr entfernten Landes⸗ theil und ſchob einen erneuten Beſuch bei den Seinen von Jahr zu Jahr und ſo lange hinaus, bis ihn endlich 1820 der plötzlich erfolgte Tod des Vaters nach Hauſe rief.
Der alte Herr war ſo lange der erſte Mann der Provinz geweſen und
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