Von Edmund Hoefer. 9
Nach der erſten Ueberraſchung und nach dem natürlichen Schmerz, der bei dem Gedanken durch des Sohnes Herz zog, daß ſeine verſtorbene heiß⸗ geliebte Mutter nun auch im Innern des Vaters zu Grabe getragen werden ſolle, konnte Moritz ſich nicht verbergen, daß der Entſchluß der vernünf⸗ tigſte und naturgemäßeſte ſei, den der Alte faſſen konnte. Was er von dem Bedürfniß ſeiner Natur redete, ſich einem andern Weſen hinzugeben und anzuſchließen, und was er von ſeiner Vereinſamung ſagte— kurz alles, was der Brief in Bezug auf dieſe Punkte enthielt, leuchtete dem Sohne durchaus ein. Seit dem Tode der Tante war das Haus verödet und der Mann vereinſamt, beides in einer Weiſe, wie die Natur es für den Einen unerträglich machte, und wie die Verhältniſſe es für das Andere auf die Länge nicht ſtatthaft erſcheinen ließen. Hätte ſich der Präſident gleichgültig darin gefunden, dabei beruhigt, ſo wäre das für den Sohn ein trauriges Zeichen von Körper⸗ und Geiſtesſchwäche geweſen, die er dem hochverehrten Vater noch für viele Jahre ferne wünſchte. Nun aber ſah er auf eine Weiſe geholfen, wie man es wohl nicht gründlicher, befriedigender und ehrenvoller denken konnte. Moritz erinnerte ſich der Gräfin als einer ſchönen und ſtattlichen, freundlichen und liebenswürdigen Dame, und zu alledem fühlte er ſich auch nicht wenig durch ihren Rang und Stand geſchmeichelt. Sie gehörte durch Geburt und Verheirathung den edelſten Häuſern des Staats an— etwas, worauf Moritz ſchon damals faſt mehr Werth legte, als ſo⸗ gar ſein Vater.
Er reiste nach Hauſe und wohnte der Hochzeit, dem Wunſche ſeiner Eltern gemäß, bei. Er ſah ſich von der neuen Verwandten auf das freund⸗ lichſte aufgenommen; er fand in ihr noch mehr als er erwartet— nicht nur die liebevolle Gattin des Vaters und die glänzende und angenehme Dame des Hauſes, ſondern auch die kluge und weltgewandte Frau, die ihm durch ihre ruhige Klarheit und Entſchiedenheit neben aller Achtung auch eine Art von Ehrfurcht und ein Vertrauen einflößte, wie er beides in dieſem Grade bisher noch bei keinem andern Menſchen als bei ſeinem Vater empfunden hatte. Der ſtolze junge Menſch fand die Mutter ſich nicht nur gewachſen, ſondern ſogar weit überlegen, und fühlte ſich dadurch bei der taktvollen und liebenswürdigen Weiſe, in der ſie mit ihm verkehrte, nur noch mehr zu ihr hingezogen. Er war dazu erzogen, den Kern im Menſchen zu ſchätzen, und ſagte ſich jetzt, je länger er in der Nähe der Mutter lebte, mit immer ſtei⸗ gender Bewunderung und Verehrung, daß ſie eine Frau ſei, wie er noch


