8 Das Burgfräulein.
desgemäße Erziehung und eine Ausbildung angedeihen zu laſſen, die es ihnen möglich macht, ſpäter ihren Weg allein zu verfolgen. Nach Geld und Gut habe ich weder für mich, noch die Meinen jemals geſtrebt. Ich habe es in meiner Jugend entbehren lernen müſſen und bin darum nicht ſchlimmer daran geweſen. Ich habe eingeſehen, daß ein geſunder Menſch von Kopf, Herz und Charakter deſſelben zu ſeinem guten und ehrenvollen Fortkommen nicht bedarf. Der Jüngling und das Mädchen, die jedes in ſeiner Weiſe, das Ihre thun wollen und thun, finden bei uns noch immer ihren Platz und die Mittel zu ihrer Eriſtenz. Nach dieſem Grundſatz und in dieſem Bewußtſein habe ich mich beſtrebt auch Dich zu erziehen und weiß dich damit wohl geborgen.
„Was die Verhältniſſe der Dame betrifft, welche ich Dir demnächſt zur Mutter geben will, ſo weißt Du vielleicht, daß die Gräfin Sonneck reich iſt— nicht aber durch ihren ſeligen Mann, ſondern durch ihre Mutter, die ein geborenes Fräulein von Lindow war und ihrem Gemahl das Gut Lindow zubrachte. Seit dem Ausſterben der männlichen Linie erbt dies Gut nur noch in der weiblichen fort und verleiht ſeiner jedesmaligen Be⸗ ſttzerin das Recht, den Namen Lindow mit dem ihres etwaigen Gatten vereint zu führen.
„Es iſt ein ſchönes Gut und hat ſich durch vernünftige Bewirthſchaf⸗ tung ſo verbeſſert, daß es der Gräfin ein bedeutendes Einkommen gewährt. Sollte uns Gott der Herr noch eine Tochter ſchenken, ſo würde dieſelbe dereinſtige Herrin dieſes Beſitzes; erhielten wir einen Sohn, ſo wäre der⸗ ſelbe nur auf etwaige Erſparniſſe ſeiner Mutter angewieſen und das Gut fiele, wie auch wenn wir keine Kinder haben, an eine Verwandte der Gräfin, welche mit dieſer zugleich aus dem Hauſe Lindow abſtammt. Dich und mich tangirt die Sache weder ſo, noch ſo.
„Das, mein lieber Sohn, iſt es, was ich Dir mitzutheilen habe. Wir haben den 14. Auguſt zum Abſchluß unſerer Verbindung angeſetzt und erwarten Dich zu dieſem Tage bei uns zu ſehn, da Deine Ferien bereits am dritten oder vierten des Monats beginnen werden. Ich habe das feſte Ver⸗ trauen zu Dir, daß Du Dich der herzlichen Zuneigung würdig zeigen wirſt, welche Deine zukünftige Mutter Dir ſchon jetzt in hohem Maße ſchenkt. Biſt Du doch Dein Lebenlang meiner Liebe werth geweſen, wie mit Stolz und Freude verſichern kann
Dein getreuer Vater.“


