Jahrgang 
1 (1859)
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Von Edmund Hoefer. 5

nicht fuͤr Moritz allein, ſondern auch für alle, die mit ihm in Beruüh⸗ rung kamen, ein wahres Glück, daß hinter ſeinem anerzogenen, ſtarren und unbeugſamen Weſen dennoch immer noch ein zwar kleiner, aber unver⸗ wuſtbarer Kern von Herzensgüte und Gemüth erhalten blieb ein ſchönes Erbtheil von ſeiner Mutter. Das brach bei ihm auch in ſpätern Jahren zuweilen plötzlich und überraſchend hervor, verſöhnte mit mancher Härte, machte hie und da im Stillen ſogar wieder gut, was vorher ſeine ſtarre, ſchonungsloſe Strenge ihm ſelbſt und Andern auferlegt, und verband ihm immer von neuem die Menſchen, die er zuvor durch ſeinen Stolz und ſeine

Riückſichtsloſigkeit von ſich geſtoßen und beinah verloren hatte.

So war Moritz von Hauſen der Anlage nach in ſeinem zwanzigſten Jahre, als er auf der Univerſität und unter den von ihm beherrſchten oder doch weit uͤberſehenen Kommilitonen bedächtig die Luſt des Studentenlebens erprobte und ſich mit ruhiger Ueberlegung auch an den Uebertreibungen dieſer Lebenszeit betheiligte, und ſo war ſein Weſen und Charakter aus⸗ geprägt, als er im vierzigſten Jahre den Thronſeſſel des Vaters einnahm und die Urtheile und Verordnungen ſeines Gerichtshofes im Namen des Herrſchers der ehrfürchtig lauſchenden Zuhörermenge verkündigte.

Als er etwa anderthalb Jahre ſtudirt hatte, erhielt er vom Vater einen Brief, deſſen Inhalt für den alten Herrn ſo bezeichnend und für Moritz ſo wichtig war, daß wir ihn hier vollſtändig mittheilen.

Mein Sohn, ſchrieb der Präſident nach den gewöhnlichen einleiten⸗ den Sätzen,laß mich Dir jetzt etwas mittheilen, was ſich, ſelbſt wenn ich es wollte, nicht länger verbergen laſſen würde, etwas, was dich zwar überraſchen, aber wie ich hoffe, auch erfreuen wird. Du kennſt Deinen alten Vater gut genug, um zu wiſſen, daß er, wenn er ſich einmal ent⸗ ſchloß, etwas für ſich ſelber zu thun, entweder als Beamter oder durch ſeine Individualität und ſeine perſönlichen Bedürfniſſe dazu berechtigt oder gar gezwungen worden iſt. Mit einem Wort, mein Sohn, ich habe mich nach reiflicher Erwägung zu einer zweiten Heirath entſchloſſen.

Was ich als Privatmann gethan und getrieben, habe ich ſeit manchen

Jahren ſchon Dir ſtets mit allen, auch den geheimſten, Motiven dargelegt,

um Dich darauf aufmerkſam zu machen, daß ein rechter Mann nichts, ſelbſt das Geringſte nicht, ohne Ueberlegung, ohne Grund, ohne Zweck thun und ſagen ſoll. Bei dem gegenwärtigen Fall fühle ich mich um ſo mehr zur Offenheit gegen Dich gedrängt, da die Folgen dieſes Schritts