Von Paul Heyſel 11
Aufregung, des Zorns, der Leidenſchaft und Beſchämung zugleich. Da plötzlich wandte ſie ſich um, üͤber und über glühend, und ſagte:„Wir wollen zurückgehen. Geben Sie mir den Schirm, Sie werden ihn noch zerbrechen und er ſoll mit auf die Reiſe. Wir wollen raſcher gehen, ich habe noch ſoviel zu packen. Wiſſen Sie, daß mir davor graut, wie ich indeſſen in meiner Bildung zurückkommen werde? Die engliſchen Könige, die Sie mir aus dem Shakespeare ſo ſchön eingeprägt haben, werden mir ſchwerlich im Kopf bleiben. Es iſt Schade drum, aber was ſoll ich machen? Meine Vettern ſind ſchlechtere Pädagogen als Sie. Wenn ich wiederkomme— aber wer weiß, ob die Tante mich nicht den Winter über bei ſich feſt hält. Nun denn, ſo dauert es vielleicht Jahr und Tag, bis Sie mich einmal über⸗ hören können, und wenn ich ſchlecht beſtehe, ſo entſchuldigt mich die lange Zeit.“
Es dauerte länger als Jahr und Tag. Als am andern Morgen der Reiſewagen vor dem Hauſe ſtand und ſie ſchon eingeſtiegen waren, trat er noch einmal an den Wagenſchlag Er reichte einen Blumenſtrauß hinein— die Mutter nahm ihn mit freundlichem Dank. Eugenie nickte ihm heiter zu und gab ihm ihre Hand, im Handſchuh. Hinter dem Schleier ſah er nicht die Bläſſe ihres Geſichts und die gerötheten Augenlider. Dann ſchloß er die Wagenthür und zog den Hut. Der Friedrich auf dem Bedientenſitz ſah noch einmal nach ihm um, als der Wagen ſchon davon rollte, und in ſeinem ehrlichen Geſicht leuchtete etwas wie das Mitleiden eines Glücklichen mit einem zurückgeſetzten Rivalen.
Das war im Herbſt geweſen. Als ſie im tiefen Winter zurück⸗ kehrten, hatte er inzwiſchen die Stadt verlaſſen müſſen, um an einem kleinen Gericht in der Provinz zu arbeiten. Erſt im Sommer konnte er wieder die wohlbekannte Glocke an der Gartenpforte ziehn. Man ſagte ihm, daß Beſuch im Hauſe ſei, die Vettern und andere Fremde. Er beſtellte, daß er wiederkommen werde. Aber der kalte Gruß der Mutter, die ihm Tags darauf auf der Straße begegnete, ließ ihn fühlen, daß er es nicht finden würde, wie er es wünſchte, und er kam nicht wieder.
Ob man ihn dennoch vermiſſte? Wer konnte die Schrift enträthſeln, die auf Eugeniens blaſſer Stirn geſchrieben ſtand, als ſie⸗ drei Jahre ſpäter dem Manne, den ihr die Mutter gewählt, die Hand reichte! Doch jetzt, da ſie über die Zeilen des Briefes hinweg in die Vergangenheit blickte, klangen ihr die Worte eines nachdenklichen Liedchens durch die Seele: b


