Jahrgang 
4 (1858)
Einzelbild herunterladen

10 Anfang und Ende.

vor einem angefangnen Brief. Sie hatte beide Hände über einander gefaltet auf das Blatt gelegt und ihre Gedanken ſchweiften weit ab von dem Inhalt dieſer Zeilen. Manchmal, wenn ein Schritt draußen auf dem Flut erſcholl, fuhr ſie auf und horchte. Es ging an ihrer Thüͤr vorüber und ſie blieb mit ſich allein.

Warum kehrte all ihr Sinnen immer wieder in die alte Zeit zu jenem Gartenweg zurück, wo die Sonnenblumen zwiſchen den Aſtern ſtanden und die kleinen Fruchtbäume die langen Schatten über die Gemuſebeete warfen? Die Sonne funkelte durch den hohen Zaun und die Luft war ganz ſtill von Vogelgeſang. Morgen ſollte ſie den Tag fern von dieſem ſtillen Revier ſich neigen ſehn, und wenn ſie wiederkam, lag Schnee auf den Beeten und die Bäume hatten Laub und Frucht zumal hergeben müſſen. Und der Student, der neben ihr ging und mit ihrem Sonnenſchirm tiefe Löcher in die Erde ſtieß, wußte das. Er hatte den gepackten Reiſewagen im Hofe ſtehen und den Friedrich ſeinen Mantelſack auf den Bedientenſitz feſtſchnallen ſehn. Wenn Menſchen abreiſen, wer bürgt dafür, daß ſie wiederkommen, oder doch wiederkommen, wie ſie gegangen ſind? Wie nützlich iſt es alſo, vorher ſeinen letzten Willen auszutauſchen, zumal wenn man geſonnen iſt, mit Leib und Seele ſich ſelbſt einander zu vermachen! Und wenn er gewußt hätte, wie hoch es ihr anzurechnen war, daß ſie in dieſen entlegneren Theil des Gartens ihre Schritte gelenkt hatte! Sie zürnte im Gehen mit ſich, daß ſie ihm ſoweit entgegen gekommen war. Aber nun auch kein Haarbreit weiter, nun ſollte und mußte er das Uebrige thun, oder ſie konnte ſich's nimmermehr vergeben, was ſie bereits gethan, ihm die Zunge zu löſen. Denn dieſes ſtebzehnjährige Köpfchen hatte einen gewaltig hohen Begriff von der Würde ſeines Geſchlechts, und wenn der gute Jüngling neben ihr vor Stummheit und Reſpekt des Todes verblichen wäre, ſie wäre ihm durchaus nicht zu Hülfe gekommen. War es hier nicht einſam genug, und die Sonne ihnen im Rücken und der Küchengarten ſonſt niemals ihr Spaziergang geweſen? Und ſtand zu allem Uebrigen nicht der Reiſewagen im Hof?

Aber denken ſollte er durchaus nicht, daß ſie dies veranſtaltet habe, ſeinet⸗ wegen. Sie redete eifrig von der Reiſe, ſie freute ſich, einen ganzen Haufen von Vettern zu ſehen, und beſchrieb jeden einzeln, und lachte uͤber jeden, und ſchon ſtanden ſie am letzten Ende des Wegs und blickten über den Zaun, und er wurde immer einſilbiger. Jetzt ſchwieg er ganz und auch ſte ſchwieg; es wallte und wogte in ihr von niedergekämpften Thränen der