Jahrgang 
4 (1858)
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Von Paul Heyſe. 9

unbekannt geblieben. Am beſten, Sie ſtellen mich ihm gleich vor. Er iſt doch mit in der Geſellſchaft?Ich habe ihn verloren, nun ſind es ſchon ſieben Jahre.

Er fuhr zuſammen.Nur den Knaben habe ich, ſprach ſie weiter, und muß mich jetzt auch von ihm trennen. Denn auf dem Lande bei meiner Mutter verwildert er mir völlig, und wenn ich ihm auch einen Lehrer fände, der ihn zu lenken wüßte, ſo thäte es mir doch um die friſche Jugend leid, daß ſie ſo ohne Gefährten aufwachſen ſollte.

Ich muß ihn ſehen, ſagte er raſch und ſtarrte unverwandt auf den Strauß in ihrer Rechten.Den Vater verloren, armes Kind! Wenn er groß iſt, Frau Eugenie, ſchicken Sie ihn mir einmal. Er ſoll mit mir auf die Jagd und meine Pferde reiten, und wenn er meine älteſte Tochter lieb⸗ gewinnt, ſo neigten ſich ja wahrlich Anfang und Ende wieder zuſammen, nur anders, als ich thörichter Menſch es mir träumen ließ. Werden Sie einwilligen, Eugenie? Er hielt ihr die Hand hin.

Bei aller Achtung vor dem künftigen Schwiegervater meines Sohnes, entgegnete ſie heiter,behalte ich mir doch vor, erſt das Mädchen zu ſehen, da Sie noch nicht einmal für die Mutter einſtehen können.Daß die Mutter Ihren Beifall haben muß, verſteht ſich. Ich nehme ſie gar nicht, wenn ſie das Unglück hat, Ihnen zu mißfallen. Das Beſte wäre.

Ein junger Mann, der ſich zögernd der Fenſterniſche näherte, um die Fremde zum Tanzen aufzufordern, unterbrach das Geſpräch. Sie entſchul⸗ digte ſich mit ihrer Nachtreiſe und trat aus der Laube heraus, ſich unter die Geſellſchaft miſchend. Noch eine Weile ſah Valentin, der bei der Palme zurückblieb, ihre Geſtalt unter den anderen ſtehn und glaubte dann und wann ihre Stimme herauszuhören. Es war ihm, als habe er ihr etwas Wichtiges zu ſagen vergeſſen, und er beſann ſich, was es nur ſein könne. Endlich fiel ihm ein, daß er ſich der Schicklichkeit wegen nach ihrer Mutter erkundigen müſſe. Als er aber den Saal und die anſtoßenden Zimmer nach ihr durchſuchte, war ſie verſchwunden.

Es war der zweite Morgen nach jenem Abend. Noch ſtand der dichte Fruͤhnebel in den Straßen der Stadt, aber die obere Luft röthetete ſich,

und man durfte einen ſonnigen Tag hoffen. In einem Zimmer des Gaſthofs ſaß die ſchöne Frau am Schreibtiſch