6 Anfang und Ende.
herzliches Mitleiden mit mir hatte, ein Fall, der unter Nebenbuhlern ſelten ſein ſoll. Denn es wird Ihnen keine Neuigkeit ſein, daß er Sie liebte, ſo ſehr nur je ein Gärtner und Hausknecht ſeine junge Herrin vergöttert hat. Aber er ſah ſeine Sache doch für verlorener an als die meine, obwohl ich, was die bürgerliche Stellung betrifft, auf nicht halb ſo feſten Füßen ſtand, als er. Es war ein ſtilles Einverſtändniß der Hoffnungsloſtgkeit zwiſchen uns. Wenn er uns aus der Orangerie abholte und Sie, dem Hündchen nach, voranſprangen, und wir ſahen beide, wie Sie es einholten, es auf den Arm nahmen und küßten, wandte er ſich in eiferſüͤchtigem Ingrimm zu mir und ſagte:„Begreifen Sie, Herr Valentin, was unſer Fräulein an dem unvernünftigen Vieh findet, daß ſie ihm ſo viel Careſſen macht?“ dabei ſchuttelte er entrüſtet den Kopf, den er immer ſorgfältig friſtrte, ſeit er bei Tiſch aufwartete und Ihnen die Schüſſeln reichen durfte. Und geſtehen Sie es nur, es war auch wirklich auf uns beide abgeſehen, daß Sie das garſtige Geſchöpf ſo ſichtlich begünſtigten.“
„Reden wir nichts Böſes von den Todten,“ erwiderte ſte.„Cora ſchläft den langen Schlaf, nicht weit von dem kleinen Teich, da wo die Bank unter der Ulme ſtand, wenn Sie ſich erinnern.“—„Wie ſollte ich nicht! An jener Bank half ich Ihnen die Schrittſchuhe anziehen, als wir mit Ihrer Couſtne die denkwürdige Eisfahrt machten. Wie geht es der kleinen Lucie?“—„Sie iſt eine große Dame geworden und hat ein Haus voll Kinder. Wenn ſie wüßte, daß ich Sie hier wiedergefunden habe! Erſt vor einem Monate ſprachen wir von Ihnen. Sie ſtehen noch im beſten Andenken bei ihr, und jenen ſchönen Winternachmittag, wo wir Ihnen die Anfangsgründe des Schrittſchuhlaufens beibrachten, hat ſte durchaus nicht vergeſſen. Sie behauptet, damals von Ihnen einen Händedruck erhalten zu haben, der wärmer geweſen ſei, als Ihr nachheriges Benehmen gerechtfertigt habe. Seitdem fällt ihr über das ſonſt ſehr vortheilhafte Bild, das ſie von Ihnen bewahrt, ein böſer Schlagſchatten des Leichtſinns.“
*„Gerechte Götter,“ rief er lachend aus,„ſo iſt der Unſchuldigſte nicht ſicher vor ſchwarzem Verdacht! Völlig rein fühlt ſich mein Gewiſſen aller⸗ dings nicht, nur daß ich, wie es oft geſchieht, für eine andere Suüͤnde büße, als die ich wirklich begangen habe. Als Sie beide meine erſten Schritte über die glatte Fläche leiteten, wünſchte ich nichts ſehnlicher, als daß Ihnen der feſte Druck, mit dem ich Ihre Hand ergriffen hielt, mehr ſagen möchte, als den Wunſch, nicht zu fallen. Sie waren, wie immer, jedem Verſtändniß


