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Von Paul Heyſe. 5.
Pflanzen am Fenſter und die Kerze und das Geſicht der ſchönen Frau. In⸗ deſſen hatte ſich die Hausfrau ans Klavier geſetzt, um einen Tanz zu ſpielen, 1 und bald zitterte der ſchlanke Wipfel der Palme von dem Wirbelwind der vorüberfliegenden Paare. Eugenie ſah ſtill in das muntere Treiben hinein, ihre Linke ſpielte mit der goldenen Kette, ihre Rechte hielt den ſchönen Blu⸗ menſtrauß nachläßig im Schooß. Valentin betrachtete ſie. Als ſie es be⸗ merkte, hob ſie den Strauß auf und vergrub das halbe Geſicht darein.
„Sie finden es unbeſcheiden,“ bemerkte er,„daß ich mich Ihnen gegen⸗ über ſetze, wie einem Bilde. Aber darf es mich nicht wundern, daß alle Farben noch ſo ganz friſch mich anleuchten, wie vor ſo manchen Jahren? Wenn ich mich auf einen Augenblick des Gedankens entſchlage, daß ich vier⸗ zehn Jahre älter geworden bin und morgen verheirathet werden ſoll, ſo kann ich mich völlig in die Täuſchung einſpinnen, als ſäße ich wieder wie ſo oft in dem Gewächshaus Ihrer Eltern und hätte eben das Buch weggelegt, aus dem ich Ihnen vorgeleſen, und Sie ſähen nun durch die Scheiben dem Spiel der Mücken über dem Weiher zu, oder dem Fall der Blätter. Aber nur die Jugend bringt uns ſolche Stunden verzückter Dumpfheit, völligen Aufgehens unſrer Seele in die Seele der Natur, wo wir aller Feſſeln un⸗ ſeres Ich entledigt werden, um uns nur deſto tiefer an die Elemente, einer Pflanze gleich, gebunden zu fühlen. Zuweilen wenn ich nach ſolchen Aben⸗ den allein den weiten Heimweg antrat, trug mich das Nachgefühl jener Momente durch die lange Pappelallee ſo ſeltſam ſchwankend dahin, wie eine Feder, ein Blatt, das von der Luft bewegt wird. Wir nennen das in ſpäteren Jahren Sentimentalität. Aber ich kann noch heute nicht darüber lächeln.“
„Wenn ich es damals that,“ ſagte ſie,„ſo meine ich faſt, ich hätt' es Ihnen abzubitten. Aber wir Mädchen werden ja dazu erzogen, uͤber unſere Stimmungen zu wachen und in allem, was Hingebung heißt, behutſam zu ſein. Jetzt kann ich es Ihnen geſtehen, daß es mir oft nur darum erwuͤnſcht war, meine Cora mitten in unſere traulichen Lehrſtunden hereinbellen oder den Friedrich uns zum Thee abrufen zu hören, weil ich ein paar Minuten länger meine Thränen nicht bezwungen haben würde.“
„Sie waren von Hauſe aus die ſtärkere Natur,“ verſetzte er.„Der Kitt, der mich zuſammenhält, iſt erſt langſam an der freien Luft eines bewegten Lebens hart geworden. Aber was haben Sie für Namen genannt! Meinen Freund und meine Feindin! Der ehrliche Friedrich, ich weiß, daß er


