2 Anfang und Ende.
überdies lag ein Zug von gehaltenem Ernſt auf ihrem Geſicht, der neuen Bekanntſchaften nicht gerade entgegen kam. Es war ihr Schickſal, für ſtolz zu gelten, und ſie wußte es. Daß ſie nichts that, den irrigen Glauben zu zerſtören, entſprang mehr aus Bequemlichkeit, als aus Geringſchätzung. Eine bekannte Stimme, die ihren Namen nannte, drang durch ihren Schlaf. Als ſie verwirrt die Augen aufſchlug, ſtand der Hausherr vor ihr, einen Fremden an der Hand haltend, deſſen hohe Stirn an die Palmen⸗ zweige ſtieß.„Erlauben Sie mir, Ihre Meditation zu ſtören, Frau Euge⸗ nie?“ ſagte der Wirth lächelnd.„Ich bringe Ihnen meinen Freund und Vetter Valentin, der ſeit einigen Stunden unſer Gaſt und erſt ſeit einigen Wochen wieder im deutſchen Vaterlande iſt. Nun aber werden wir ihn feſt⸗ halten, denk' ich, und wer könnte uns beſſer dabei unterſtützen, als die deutſchen Frauen.“—
„Er hatte längſt wieder den Rücken gewandt, und die Beiden verharr⸗ ten noch ohne ein Wort der Begrüßung einander gegenüber. Die Augen des Mannes waren auf die rothe Roſe im Haar der ſchönen Frau geſenkt, und nur das Schwanken des Palmenzweiges ihm zu Häupten verrieth, daß Blut in ſeinen Adern klopfte. Eugeniens Geſicht ſah ernſthaft zu ihm auf, wie man einem Räthſel nachſinnt. Oder hatte der Schlaf ſeinen Schleier noch nicht ganz von ihren Augen genommen? Wenn dies Begegnen nur ein Traum war, ſo träumte ſie ihn freilich nicht zum erſtenmal. Aber haben Träume die Macht, bekannte Züge zu verwandeln, wie es die Jahre thun, Locken zu kürzen und jene Falten in die Stirn zu graben, welche ſie dort über den ſtarken Brauen des Mannes im erſten Aufblick erkannt hatte?
Je länger er ſie auf ſeine Anrede warten ließ, deſto röther glühten ihr
die Wangen. Ein paarmal öffnete ſie die Lippen, ſchwieg aber und ſenkte
die Augen. Ihr Fächer glitt auf den Teppich nieder. Er ließ ihn liegen. „Frau Eugenie,“ ſagte er endlich,„erlauben Sie auch mir, Sie ſo zu nennen. Ich trete eben erſt ins Haus und habe es wahrlich verſäumt,
meinen Gaſtfreund nach dem Namen Ihres Gemahls zu fragen. Wie wun⸗
derbar trifft man ſichim Leben wieder! Ich muß über meine Ahnungsloſig⸗ keit ſtaunen, daß mir dies Wiederſehen durch kein Vorzeichen des Himmels oder der Erde angekündigt worden iſt.“—„Eine beſondere Veranlaſſung hat mich hieher geführt,“ erwiderte ſie raſch.„Ich will meinen Sohn in
eine Schule bringen, und man ſagte mir, daß er in dieſer Stadt am beſten⸗ aufgehoben, ſein würde. Die vorige Nacht habe ich im Poſtwagen völlig


