Anfang und Ende.
Novelle
von
Paul Heyſe.
In der tiefen Fenſterniſche des lichterhellen Saals brannte nur eine einzelne Kerze auf ſilbernem Leuchter, den eine geflügelte Figur mit beiden Armen emporhielt. Der beſcheidene Glanz wurde noch gedämpft durch ſchattige Gewächſe mit breiten Blättern und den letzten Bluͤthen des Jahres, und eine ſchlanke Palme überwölbte zierlich mit ihren leichten Zweigen den Eingang in die dämmerige Laube. Zwei Seſſel ſtanden darin traulich einander gegenüber. Aber der eine war leer. In dem andern ruhte eine ſchlanke Frauen⸗ geſtalt, das Haupt auf die Hand geſtützt, die Augen geſchloſſen. Wer ſie im Verdacht hatte, daß ſie ſich aus der muntern Geſelllſchaft in dies gruͤne Verſteck zurückgezogen habe, um nur deſto mehr bemerkt und aufgeſucht zu werden, that ihr Unrecht. Sie dachte durchaus nicht daran, wie zart das Helldunkel der Palme über ihre ſchöne Stirne fiel, wie weich und mond⸗ ſcheinhaft der Schein der Kerze in den Ringen ihres ſchwarzen Haares ſpielte. Noch auch benutzte ſie, während am andern Ende des Saals eine ſanfte Mädchenſtimme zum Klaviere ſang, die verſtohlene Einſamkeit dazu, Ge⸗ danken nachzuhängen, wie ſie wohl in der Sommerblüthe des Lebens hinter geſchloſſenen Augenlidern ihr Weſen treiben. Denn, um es kurz zu ſagen: die Muſik, der ſie anfangs mit halbem Ohr gefolgt war, hatte ſie endlich wie ein mudes Kind in Schlaf verſenkt.
Auch erwachte ſie nicht, als das Lied zu Ende war, die alten Herren ihr aufmunterndes Bravo riefen, der Stuhl am Klavier gerückt wurde und die unterbrochenen Geſpräche mit neuer Lebhaftigkeit durch den Saal ſchwirr⸗ ten. Niemand kam ſie zu ſtören. Denn ſie war fremd in dieſem Kreiſe, und
Hausblätter. 1858. IV. Bd. 1


