Jahrgang 
3 (1858)
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Gent.

Handlung, Scene da, wirkliche Landſchaft, Himmel und Erde.In der Mitte des Bildes ſteht das Lamm auf einem Altar von lieblichen Engeln umgeben, davor der myſtiſche Brunnen der Apokalypſe, ſieben Strahlen, die aus Einer Säule in das ſpiegelhelle Waſſer eines Beckens fließen. Vier große Schaaren nahen ſich zur Anbetung des Lammes; oben im Hintergrunde die männlichen und weiblichen Märtyrer, vorn der geiſtliche und weltliche Stand. In den dichtgedrängten Köpfen iſt im Ganzen noch eine wiederkehrende Regelmäßigkeit, doch finden ſich auch ſchon einzelne, höchſt individuell aufgefaßte und höchſt liebliche Geſtalten. Die Landſchaft iſt von der größten Klarheit und Friſche; der ganze Raum, auf welchem jene heiligen und andächtigen Schaaren gehen, iſt ein Grasplatz im lebhaf⸗ teſten Grün, wo zwiſchen den Halmen Blumen und Edelſteine hervorleuch⸗ ten. Den Hintergrund ſchließen Gebirge gegen den hellen Horizont ab, zwiſchen denen man die Thürme der heiligen Stadt, des himmliſchen Jeru⸗ ſalems ſteht. Es liegt eine heilige Ruhe, ein ſo unnahbarer Friede auf dieſem Bilde, daß man ſich wunderbar ergriffen fühlt und einem feingebil⸗ deten und trefflichen Kenner niederländiſcher Kunſt Recht gibt, wenn er ſagt: vielleicht gibt es kein Werk im ganzen Gebiete der Kunſt, das Dante's großem Gedicht in der Vereinigung tiefen Ernſtes mit der Anmuth und Grazie des Lebens ſo nahe kommt wie dieſes.

Noch zwei Genter Berühmtheiten wird der Reiſende ſein Augenmerk zuwenden, die wohl zuſammen genannt werden können, weil ſie zwei eigenthümlichen Genoſſenſchaften Aufenthalt bieten, obwohl dieſe wieder aus ganz verſchiedenen Elementen zuſammengeſetzt und aus ſehr entgegen⸗ geſetzten Beweggründen zuſammengekommen ſind dem großen Raſp⸗ oder dem Zuchthaus, und dem Beguinenhof. Erſteres, ein gewaltiges Gebäude, ein Achteck mit neun innern Höfen, iſt ein Muſtergefängniß von curopäiſchem Rufe, welches der engliſche Philanthrop Howard mit Recht allen Ländern zum Vorbild empfehlen konnte. Der Gegenſatz des penſyl⸗ vaniſchen Syſtems, die Organiſation des Gefängniſſes zu einer ſelbſtändigen, ineinandergreifenden Arbeitergemeinſchaft, iſt hier auf das vollſtändigſte und erfolgreichſte durchgefuͤhrt. Schwerer aber als anderswo bei dieſen Anſtalten, iſt hier der Eintritt zu erlangen; deſto leichter iſt der Zugang zu der zweitgenanntenGenoſſenſchaft, dem Beguinenhof.

Da ſind es indeſſen nicht Parias der Geſellſchaft, ſchuldbeladene Ge⸗ fangene, die wir aufſuchen, ſondern fromme, ſtille, arbeitſame Frauen,