Jahrgang 
3 (1858)
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476 Gent.

des Lebens dar. Auf dem Hochaltar ſteht das Standbild des heiligen Bavo in ſeinem herzoglichen Schmucke, zu ſeinen beiden Seiten füllen den Chor⸗ raum umfangreiche Biſchofsdenkmäler mit großen plaſtiſchen Gruppen. Auch vier rieſige kupferne Leuchter mit dem engliſchen Wappen ſtehen dort; wahr⸗ ſcheinlich waren ſie einſt Eigenthum der Paulskirche in London und wurden unter Cromwell hierher verkauft. Ueber dem Chor ſieht man die Namen und Banner der Ritter des goldenen Vließes, deſſen letztes Ordenskapitel 1559 von Philipp II. in St. Bavo gehalten wurde. Schwere, reich gear⸗ beitete Thüren von Erz führen zu den Kapellen; Bildſäulen von verſchiede⸗ nem, aber meiſt großem Kunſtwerthe, ſtehen überall umher; an den Wänden und auf den Altären aber in der Kirche und den 24 Kapellen füllt koſtbarer Bilderſchmuck faſt jeden leeren Raum.

In der Michaels⸗ und Nikolauskirche haben die Bilderſtürmer⸗ und Revolutionszeiten den einſtigen Gemäldereichthum zerſtört und verſtreut. Erſtere hat die verlornen Meiſterwerke der alten Zeit durch neue erſetzt, und keine Kirche vielleicht mag ſo viele treffliche und ausgezeichnete große neuere kirchlichen Bildwerke aufzuzeigen haben. Allein St. Bavo hat ſich ſeinen Bilderſchatz aus der Bluͤthenzeit der alten heimatlichen Malerſchule gerettet. Alle Einzelheiten dieſer wunderbaren Gemäldefülle aufzuzählen, iſt hier nicht der Ort; nur in der vierten Kapelle wollen wir einen Augenblick vor dem Wunder der vlämiſchen Schule, derAnbetung des mackelloſen Lammes der Brüder Hubert und Johann van Coyck ſtehen bleiben.

Den Gebrüdern van Eyck hat die Malerkunſt nicht nur einen entſchiede⸗ nen techniſchen Fortſchritt in der Ausbildung der Malerei, ſondern auch einen neuen Geiſt zu danken. Sie haben gewiſſermaßen eine Befreiungsthat ge⸗ than, indem ſie den Bann lösten, welcher bis dahin die in typiſch gewor⸗ dener Starrheit gebundenen Geſtalten auf den Bildern gefeſſelt hielt; den ſteifen byzantiniſchen Tapeten⸗ oder Goldgrund, von welchem die Figuren unmittelbar ſich abhoben, oder auf dem die Handlung wie feſtgebannt war,

haben ſie in anmuthige, friſches Leben und ſtaunenswerthe Naturwahrheit wieder gegeben. Dazu haben ſte ihren Pinſel in eine Farbenglut getaucht, wie ſie vorher auf kein Gemälde ausgegoſſen worden war.

Dieſe Eigenthümlichkeit der beiden hochbegabten Brüder zeigt ſich in glänzendſter Weiſe nun in ihrem Meiſterbilde in jener Kapelle zu St. Bavo, das ſie 1420 1432 für Philipp den Guten von Burgund gemalt haben.

zeigende Landſchaften umgewandelt, und den Menſchen ſeiner Umgebung