Von Friedrich Lampert. 475
beiden größten Bürger, der Gebrüder van Cyck und des Jakob van Artevelle, des ſchon genannten Demagogen, der Jahre lang ganz Flandern beherrſchte, mit fremden Fürſten Verträge und Bündniſſe abſchloß, des kräftigſten Volks⸗ führers ſeiner Zeit. Die Bruſtbilder der Bewohner zieren das Haus der Maler wie das des Diktators.—
Von den hellen und ſonnigen Plätzen und Märkten treten wir in das geheimnißvolle Halbdunkel der Kirchen.— Die Kirchen Belgiens ſind Monumente eines ſolchen Baues, als man denſelben noch verſtand, als die hohen gothiſchen Dome noch aus der Zeit und der Volksſympathie heraus⸗ gebaut wurden und nicht, wie jetzt ihre Conterfei's, bei aller Treue der Nachahmung doch eben den Charakter des Nachgemachten trugen. Und in ihrer innern Ausſchmückung ſind ſte Monumente der höchſten Kunſt, als dieſe noch im Dienſt der Kirche, oder beſſer des Glaubens, ſtand. So oft man den Fuß in eine neue Kirche ſetzt, blendet das Auge neue Farbenpracht. Belgien iſt das Italien dieſſeits der Alpen, des nördlichen Europas. Und wenn es wahr iſt, daß die Kunſt in ihren beſten Werken erſt in deren Hei⸗ matlande, inmitten aller der für ſie einflußreichſten Umgebungen recht ver⸗ ſtanden werden kann, ſo iſt eben in den belgiſchen Städten und da wieder in den Kirchen der Ort, die Wunder der vlämiſchen und brabantiſchen Malerſchule gründlich zu erfaſſen und richtig zu würdigen. Und da bewahrt Gent die Meiſterwerke der Führer, der Brüder van Cyck, wie Brügge das ihres erſten Schülers, Hans Hemling, beſitzt.
Von den vier Hauptkirchen Gents ſchaut die Peterskirche, als Bauwer die am wenigſten ſchöne, am ſtattlichſten vom Blandinusberge, der auch die neue Citadelle trägt, auf die Stadt und den Lauf der beiden Flüſſe herab. In die Schönheit der äußern Form theilen ſich St. Michael und St. Niko⸗ laus. Erſtere hat ihre gothiſchen Formen rein bewahrt; an letzterer haben ſpätere Zuthaten manches von der frühern Geſtalt verwiſcht, ohne ihr doch das Maleriſche des alterthümlichen Geſammteindrucks nehmen zu können. Am ſchwerſten und ungefälligſten von außen ſtellt ſich die 994 gegründete, im 16ten Jahrhundert vollendete Kathedrale des heiligen Bavo dar, allein dafür beſitzt ſie im Innern eine Pracht, die ihr wenige Kirchen an die Seite treten läßt.
Schwarzer Marmor bekleidet mit dunklem Glanze alle Wände; weißer oder bunter bildet die Geländer um Altar und Kanzel; dieſe letztere, aus Marmor und Eichenholz gearbeitet, ſtellt in kunſtvoller Bildung den Baum


