Jahrgang 
3 (1858)
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Von Friedrich Lampert. 473

eine Ueberfülle von Verzierungen des heitern Flamboyantſtils zeigt, während die andere, ſpätere, aus den verſchiedenſten Bauſtilen gemiſcht iſt, aus jener Zeit ſeiner Herrſchaft und Geltung herübergedauert, wo in ihm die folgen⸗ wichtige Pacifikation von Gent, welche die Vertreibung der Spanier aus den Niederlanden entſchied, unterzeichnet wurde. Allein man fuͤhlt es ihm ſchon von außen an, daß ſeine Rolle ausgeſpielt iſt. Sein Nachfolger im Amt, der einen Theil ſeiner Erbſchaft angetreten hat, der neue Juſtizpalaſt, ſteht ſich freilich moderner, allein in ſeiner Art eben ſo großartig wie das alte Rathhaus an.

Ueberhaupt haben ſich manche neue großartige, den Eindruck der Ver⸗ gangenheit nicht ſchwächende Gebäude, ſo der prächtige Univerſitätspalaſt mit ſeiner großen marmornen Treppe und der von Marmorſäulen getragenen Aula, das Schauſpielhaus, das Caſino, der biſchöfliche Palaſt u. ſ. w. unter die alten hineingeſtellt. Das alte Gent zeigt ſich uns am deutlichſten und unverändertſten in den Kirchen und auf den großen Plätzen. Letztere zumal ſind von den unverſehrteſten Zeugen der vergangenen Tage umſtanden und bewahren die Erinnerungen an die bedeutendſten Namen und größten Zeiten Gents. So rufen uns gleich auf dem Gemüſemarkt die großen Fleiſchhallen(groot vleeschhuis) das Andenken Karls V. wach. Der Löwe mit der Flaggenſtange auf dem Giebel iſt das Zeichen einer heimlichen Liebe des großen Kaiſers.Die Kinder des Fürſten, d. h. die Fleiſchergilde von Gent, haben ihn einſt aufgerichtet. Das Verhältniß des Kaiſers mit einer ſchönen Fleiſcherin hatte dieſer die Erfüllung ihrer Bitte gebracht, daß die Nachkommen ihres Sohnes allein das Recht zu ſchlachten und in der Stadt Fleiſch zu verkaufen erhielten, und bis zum Jahre 1794 haben die kaiſer⸗ lichen Fleiſcher dieſes Recht ausgeubt.

Auf einem andern Platz, dem Fiſchmarkt, umſchließen neuere Häuſer ein maſſives, altes thurmartiges, mit Schießſcharten verſehenes Thor, die Oudeburg oder Gravenkaſteel, ein Ueberbleibſel des alten Schloſſes der Grafen von Flandern. Auch an dieſen Ueberreſt knüpft ſich eine draſtiſche Erinnerung: hier hielt 1424 Herzog Philipp der Gute von Burgund drei Monate lang die ſchöne holländiſche Gräfin Jakobea von Holland gefangen.

Alle Genter Geſchichte konzentrirt ſich aber auf dem Freitagsmarkte, in deſſen Begrenzung auch die Neuzeit nichts hineingebaut hat, den noch alle die alten hochgegiebelten Häuſer umſtehen, die ihn damals umſtanden, als auf dieſem Platze die tragiſchſten Scenen abgeſpielt, die furchtbarſten Kämpfe

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