Jahrgang 
3 (1858)
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Gent.

Von dieſem Thurm, auf deſſen Spitze auch noch heute als Windfahne der vergoldete Drache ſteht, den der Graf Balduin IX. im Jahre 1204 von der Sophienkirche in Konſtantinopel abnehmen ließ und den Gentern ſchenkte, ſchauen wir herab auf Gent. Ein gewaltiger, weit ausgeſpannter Kreis liegt es uns zu Fuͤßen, Waſſer und Land; denn die Schelde und Lei durchziehen die Stadt nach allen Richtungen hin in breiten Kanaladern. In dem Häuſermeer erſcheinen die großen weiten Plätze wie einſame Inſeln, ragen die ſchlanken Thürme wie Leuchtſäulen empor. Die letzten Reihen der Stadt verſchwimmen faſt dem Blick, und man hat Mühe, das Nahe und Ferne in Eins zuſammenzufaſſen. Man begreift die Macht, welche von einer ſolchen Stadt ausgehen konnte, und verſteht, wie recht Karl v. hatte, daß er ſeinen Alba, als dieſer ihm den grauſamen Rath gegeben hatte, das unruhige Gent zu zerſtören, mit ſich auf den Belfried nahm, ihn herab⸗ ſehen ließ auf die prächtige, gewaltige Stadt und dann, ſein tückiſches An⸗ ſinnen entruſtet zurückweiſend, ihn fragte:combien fallait il de peaux d'Espagne pour faire un Gant de cette grandeur?

Und wandern wir nun durch die Straßen, über die Plätze der Stadt. Sie ſind noch ſo wunderbar und ganz und gar die alten; an ihnen merkt man's nicht, daß Jahrhunderte an ihnen vorübergegangen ſind. Das iſt das Merkwuͤrdige an dieſen alten flandriſchen Städten. Die hochgegiebelten Häuſer mit den ſonderbaren Schnörkeleien, den zierlichen Erkern und den feſten Thuͤren mit den frommen Sprüchlein darüber, die breiten weiten Marktplätze, die prächtigen gothiſchen Kirchen mit den himmelanſtrebenden Thuͤrmen die Mauern und Wälle und Gräben alles iſt noch da, wie ehedem; und doch ſchaut es uns ſo geiſterhaft, ſo ganz aus einer andern Zeit heraus an, As wollten die todten Steine uns ſagen, daß wir nicht ihnen und ſie nicht uns mehr angehörten. Und ſo erſcheint uns ſelbſt Gent, und wenn es noch hundertmal mehr Leben hat und vom Ferment der Neu⸗ zeit durchdrungen iſt, als Brügge, wie ein Vineta über den Waſſern.

Wie todt und ſtill liegt da das Rathhaus vor uns! Was war einſt ein belgiſches Rathhaus! Der ſtolze Herrſcherſitz der ſtädtiſchen Selbſtherr⸗ lichkeit, forum Senatus populique Romani. Was iſt es noch jetzt, wo ſeine politiſche Bedeutung längſt eine andere geworden, in dem bezwingenden Eindruck ſeines feſten, einheitlichen und doch ſo reichgegliederten, mit dem reichſten ſchönſten Steinſchmuck gezierten Baues!

Unverſehrt hat dieſes hier mit ſeinem Doppelgeſicht, deſſen eine Seite