Jahrgang 
3 (1858)
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Von Friedrich Lampert. 471

Städte und Länder wechſeln ihre Rollen; wo einſt das Meer des Weltverkehrs flutete, da ſehen ſpätere Jahrhunderte nur todte Sandſtrecken. Auch Gent hat ſeine Miſſion an die Epigonen abgeben müſſen. Zwiſchen dem Jahr 1400, in dem es 80,000 waffenfähige Männer gehabt hat und allein die 40,000 Weber 18,000 Streitbare aus ihrer Zunft ſtellen konn⸗ ten, wo Morgens, Mittags und Abends mit einer Glocke geläutet wurde, um die Weber zur Arbeit oder zur Mahlzeit zu rufen und dann während des Läutens die Ziehbrücken über die Kanäle zum Durchlaſſen von Schiffen nicht aufgezogen wurden, keine Kinder aus dem Hauſe gelaſſen werden durf⸗ ten, damit ſie nicht der vorübergehenden Menge unter die Füße geriethen, ja jedermann ſich zu Hauſe hielt, um nicht in den Strom dieſer gewaltigen Bevölkerung zu gerathen zwiſchen dieſem Jahre und unſerer Gegenwart iſt freilich in Gent ein Unterſchied zu ſpüren. Da iſt's ſehr ſtill geworden. Aber doch iſt Gent noch lange nicht vom Fluch des Verlaſſenſeins ſo ſehr, wie Brügge, getroffen. Dort hat vielmehr ſich alles ſelbſt überlebt; dort ſinddie großen leeren Märkte wirklich ſtill und unbelebt wie Kirchhöfez und die herrlichen Münſter ſcheinen nur dazu geeignet, die Todtenmeſſe um die verſchwundene Pracht der Mutterſtadt zu vernehmen, dieſer ſteinernen Mumie. Gent iſt noch immer die bedeutendſte und angeſehenſte Fabrikſtadt Belgiens und noch immer eine gewaltige Stadt. Noch haben ſeine Mauern drei volle Stunden im Umfang und noch iſt der Blick auf dieſe Stadt ein überwältigender, ein unvergleichlich großartiger.

Um dieſen Blick zu gewinnen, beſteigen wir den Belfried, die mitten in der Stadt gelegene hohe viereckige Warte. Faſt alle belgiſchen Städte haben dieſe ſtädtiſchen Glockenthürme mit dem eigenthümlichen Namen, der in der Zuſammenſetzung der beiden niederdeutſchen Worte Bell, Glocke, und Fried, Friede, die obrigkeitliche Gewalt bezeichnen will. Zu den frühſten Privilegien, welche die Bürger von ihren Lehnsherren erlangten, gehörte das Recht zur Erbauung eines ſolchen Wart⸗ und Glockenthurms. Seine Glocken riefen dann die Bürger zur Berathung oder zu den Waffen. Zu letzteren haben denn auch die 44 Glocken des Genter Bellfried oft genug geläutet, und bezeichnend dafür war die Inſchrift einer derſelben, die aber ſchon 1659 umgegoſſen wurde:

Myn naëm is Roeland, als ick cleppe, dan is brand, Als ick luyde, dan is storm in Vlanderland.

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