Jahrgang 
3 (1858)
Einzelbild herunterladen

12 Der Sieg des Schwachen.

gegenwärtig ohne Mitbewerberinnen; denn Tobias hätte zwar in früherer Zeit Andere haben können, dermalen aber war jede, die er der Sibylle hätte vorziehen müſſen, verſehen, und dieſe die einzig Mögliche. Der Gedanke, durch die Heirath der Inchtruthe des Alten zu entgehen und ſein eigener Herr zu werden, hatte unvermerktz auf die Geſtalt des Mädchens eine modi⸗ ficirende Einwirkung geübt. Die hohe Schulter war niedriger, ſo niedrig geworden, daß man ſie von der andern kaum mehr unterſcheiden konnte; das robuſte Geſicht, letzthin ſchon von Wunſch und Sehnſucht erweicht und durchglänzt, erlangte in der Verliebtheit, die er ſich immer größer denken mußte, einen beinah ſchönen Ausdruck. Noch eine Zuſammenkunft und dazu die Beihülfe guter Geiſter und Sibylle war glücklich, der Schneider gefangen.

Da geſchah es, daß die bisherige Pfarrmagd ihren Dienſt verließ, und an ihre Stelle ein Mädchen kam, die, aus dem benachbarten Keſſelthal ge⸗ bürtig, das letzte Jahr in Ulm gedient hatte und der Pfarrerin von dort rekommandirt worden war. Tobias, der dem geiſtlichen Herrn einen aus⸗ gebeſſerten Rock heimzutragen hatte, ſah ſie, ſprach ſie und kam als ein Verwandelter nach Hauſe.

Barbara, rieſeriſch Bäbe, war aus einem proteſtantiſchen Dorf jenes Thals, das von bewaldeten Anhähen eingeſchloſſen, von der kleinen, müh⸗ lentreibenden Keſſel durchſtrömt iſt, und deſſen Bewohner, obwohl ſie einzelne Ausdrücke und Manieren für ſich haben, im Ganzen von den Rieſern wenig unterſchieden ſind. Das Kind unbemittelter Eltern, hatte ſie früh dienen müſſen, aber gute Häuſer gefunden und als regſames Mädchen endlich in der Stadt ihre Geſchickl

war ihre Neigung zum Landleben wieder erwacht, und ſie gab ihr nach

ichkeiten vervollkommnet. Bei dem Ruf in das Dorf

vielleicht getrieben von dem Geſchick, das eben hier eine Lebenswendung für ſie bereit hatte.

Das Mädchen gehörte zu den glücklichen Geſchöpfen, die mit Geſund⸗ heit und Tüchtigkeit an Leib und Seele eine gewinnende natürliche Anmuth verbinden. Stattlich, wohlgebaut und von gedrungenen Formen, in ihrem Benehmen ſicher und ruhig, flößte ſie auf den erſten Anblick Vertrauen ein. Der Kopf war mehr rund als oval, die Stirne nicht ſehr hoch, weil die urkräftigen, dunkeln Haare etwas tiefer als gewöhnlich heruntergingen. Mit dunkelbraunen Augen und einem Geſicht, deſſen friſches Roth ſich ins Bräunliche verlief, wa

was man auch im Riesa ſchwarzbrauns

r ſte, ſehr zu ſchätzen pflegt.

Deandel zu nennen und