Jahrgang 
3 (1858)
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Von Melchior Meyr.

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Die Anmuth in ihrem Weſen beruhte in angeborner Gutmüthigkeit und einer natürlichen Schlauheit, die ſie in ihren verſchiedenen Dienſtver⸗ hältniſſen ausgebildet hatte. Sie half gern, nahm ſich gern der Bedrängten an, erreichte aber auch gern ſelber ihre Zwecke, die weſentlich praktiſch waren und am Ende darauf hinausgingen, in einem guten Dienſt bei ſteti⸗ gem Fleiß das bisher erſparte Summchen Jahr für Jahr zu vermehren, um endlich, wenn's Gottes Wille wäre, einen braven Mann damit glücklich zu machen. Vergnügten Sinnes von Natur, wurde ſie leicht heiter und zeigte beim Lachen hinter friſchen, ſinnlich behaglichen Lippen ſchöne mittelgroße Zähne. Wenn ſie Eines leiden mochte, ſah ſie es mit unverhohlenem Wohl⸗ wollen und einer Art von mütterlichem Ausdruck an; hatte ſie aber etn⸗ ſchiedenes Gefallen an jemand und wollte ſie ſelber gefallen, ſo gewann ihr Geſicht einen Glanz bis zum Roſigen, ihre Stimme eine Weichheit bis zum Süßen.

Ich glaube durch dieſe naturgetreue Schilderung unſern Tobias gerecht⸗ fertigt zu haben, wenn er aus dem Pfarrhaus mit Empfindungen heimging, die ihm durchaus neu waren, die er aber ſogleich als dierechte Liebe erkannte und mit freudigem Schreck als langerſehntes Glück begrüßte, trotz⸗ dem daß ein lebhaftes Beben ihn auch ſchon das damit verbundene Ver⸗ hängnißvolle ahnen ließ. Zu biner Bezauberung mochte das dunkle Gefühl beigetragen haben, daß dieſes Mädchen eben an ſich hatte, was ihm fehlte daß er ihr ſich anvertrauen und an ihr eine Ergänzung finden konnte. Die Bäbe gab ſich allerdings nicht viel mit Einbildungen und Erwägungen ab. Sie war von denen, die wiſſen, was ſie wollen; und was ihr recht und gut ſchien, das führte ſie mit geräuſchloſer Feſtigkeit aus, ohne ſich durch den Gedanken, was wohl andere Leute dazu ſagen möchten, allzuviel beun⸗

ruhigen zu laſſen. Ihre Faſſung leicht zu verlieren, lag nicht in ihrem Weſen, vielmehr konnte ſie im Nothfall entſchloſſen auftreten und kräftig ihre Rechte wahren. Von alledem erhielt der junge Schneider eine Ahnung, als er ſte in Abweſenheit der Pfarrleute vor ſich ſtehen ſah und nach den erſten Fragen und Antworten in ein kleines Geſpräch mit ihr kam. Er freute ſich ihrer Statur, ihrer ſchönen Rundheit und ihrer theilnehmenden iedere Als aber der nette Burſch, das gute, feine, an ihr mit offenbarem

Wohlgefallen hängende Geſicht auch vor ihren Augen Gnade fand und ſie ſi nicht erwehren konnte, ihn mit heiter liebevollen Blicken anzuſehen und ihrer Stimme dabei einen holdern Klang zu geben da war er fertig.