Jahrgang 
3 (1858)
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Von Melchior Meyr. 11

immer ein Mädchen gewünſcht, die nicht nur ausnehmend ſchön und ange⸗ nehm, ſondern auch bedeutend reich war, die er über alles liebte, die ihn durchaus wollte, und von der auserwählt, er alle ſeine Neider und Feinde und ſogar ſeinen Vater, der ihn ſo ſehr verkannte, tief beſchämen konnte. Allein bis jetzt hatte ſich eine ſolche nicht gezeigt, und es war nicht viel Ausſicht vorhanden, daß ſie ſich demnächſt finden werde. In einzelnen Momenten ſtellte ſich ihm nun der Gedanke dar, daß er am Ende gar keine kriegen könne! Und in dem bänglichen Gefühl, welches dieſe Vorſtellung in ihm erweckte, mußte jede gewinnen, die von andern Eigenſchaften abge⸗ ſehen, mindeſtens den Vortheil hatte, daß ſie eine war.

Als er ſechs Wochen ins fünfundzwanzigſte Jahr ging, ſah es aus, als ob juſt das geſchehen ſollte, was von allem das Unwahrſcheinlichſte geweſen war. Seine Gutmüthigkeit hatte dem Schneider einen Streich ge⸗ ſpielt. Bei einem Geſchäftsbeſuch, den er im Hauſe des Webers machte, hatte Sibylle die Wünſche ihres Herzens wieder ſo deutlich merken laſſen und ihn dabei mit ihrem halb männlichen Geſicht ſo weiblich verlangend angeſehen, daß er, geſchmeichelt und gerührt, den Blick viel freundlicher erwiderte, als er's je für möglich gehalten hätte. Ihre Hoffnungen wurden dadurch ungemein belebt und traten im Lauf des Geſprächs in einer Anſpie⸗ lung hervor, die niemand mißverſtehen konnte. Ein zufällig Anweſender theilte ſeine Beobachtung bei der nächſten Gelegenheit dem alten Eber mit, und dieſer fand die Sache nicht unerwünſcht. Er ſprach den Sohn gleich darum an; und als Tobias bemerkte, daß er die freilich haben könnte, wenn er ſie wollte, verſetzte der Alte:Schön iſt ſte nicht, und gar ſo viel wird ſte auch nicht mitkriegen; aber ein rechtes Mädchen iſt ſie ſonſt, und du darfſt auch nicht hoffärtig ſein. Ich glaub', du thätſt gut, wenn du's richtig machteſt mit ihr; denn eine andere, die was hat, kriegſt du doch nicht!Oho! entgegnete Tobias im Gefühl der Beliebtheit, deren er ſich bei den Mädchen immer noch erfreute. Der Alte ſah ihn ſpöttiſch lächelnd an.Ja, in deiner Einbildung kannſt du alle haben, das weiß ich ſchon! Nun, Uüberleg' dir die Sach'! Dieſer letzte Satz war mit einem Blick begleitet, der einen Befehl enthielt; und Tobias, dort gelockt, hier getrieben, fing an, die Sache näher zu betrachten. In kurzem war er mit der Vorſtellung ſchon vertraut, und ein paar Tage darauf beinahe damit befreundet.

Die Sache war: der Alte hatte recht mit ſeiner Ironie. Sibylle war