Jahrgang 
3 (1858)
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Von Melchior Meyr. 9

behaglich vor ſich hinſehen oder durch eine gelungene ſpöttiſche Bemerkung gar die Niederlage des Gegners vollenden.

Auch zu Hauſe hatte er einen Rückhalt an einem weiblichen Weſen an der ältern Verwandten, die dem Vater die Wirthſchaft führte. Dieſe, die ehemalige Schuſterin Walpurg, war froh, als arme Wittwe ein ſolches Unterkommen gefunden zu haben, und hütete ſich wohl, den alten Schneider durch Widerſpruch zu erzürnen. Sie erfreute aber den jungen Vetter im Geheimen durch gute Reden und gute Biſſen, die ſie ihm zuſteckte; und wenn's der Alte nach ihrer Meinung gar zu arg machte, ſo wagte ſie auch ihn beſcheiden inſtändig zur Nachſicht zu ermahnen und ihm die unläugbare Thatſache vorzuhalten, daß Tobias kein böſer Menſch ſei.

Bei der Gunſt, welche dieſer bei den Schönen des Ortes fand, konnte

s auffallen, daß er mit keinen in ein Verhältniß verflochten wurde. Das lag aber in einer Eigenheit ſeines Weſens, die er nur ganz im Geheimen pflegte: in einem beſonders feinen Geſchmack und in ungewöhnlichen An⸗ ſprüchen, die er machen zu können glaubte. Er wollte zum Schatz und zum Weib etwas Apartes, ein Mädchen, das ihm ganz und gar geſiel und in jeder Beziehung Ehre machte und ſo eine konnte er unter den Dorfkin⸗ dern, ſo weit ſie fuͤr ihn erreichbar waren, dermalen nicht finden. Durch Reden Erfahrener, durch Lieder und durch Erzählungsbücher, wie ſte auch dem Bauer in die Hand gelangen, hatte er einen höhern Begriff von der Liebe erhalten, und er ſetzte nun bei ſich feſt, nur eine ſolche zu nehmen, die er liebte, wie es im Buche ſtand. Die Freundlichkeit der Mädchen mit Artigkeit erwidernd, freute er ſich ihrer und that ſich in munterer Stimmung an der Seite der guten Geſchöpfe recht von Herzen gütlich; aber er band ſich nicht, weil ihm eben am Ende doch keine gut genug war. So täuſchte er hie und da eine Hoffnung, ſtürzte indeſſen keine der Enttäuſchten in Verzweiflung, weil die Liebesdeſperation auf dem Lande, des vorherrſchend geſunden Sinnes und der Leichtigkeit des Erſatzes wegen, überhaupt nicht ſehr üblich iſt.

Eine indeß richtete ihr Abſehen länger auf ihn und hatte von ſeiner Kaltſinnigkeit auch zu leiden, weil er ihr beſonders anſtändig war und ein Anderer, der ſie hätte tröſten können, ausblieb. Es war die Tochter eines nicht unbegüterten Webers, die in der T aufe Sibylle genannt, mit Tobias einen ungewöhnlichen Vornamen gemein hatte, ſonſt aber keine ungewöhn⸗ liche Eigenſchaft beſaß, es müßte denn die ſein, daß bei einer etwas kurzen Statur die eine Schulter ein wenig mehr in die Höhe ſtrebte als die andere.