Von Melchior Meyr. 7
regalirte ſeine Feinde mit ideellen Schlägen, denen zu ſeinem vollſtändigen Triumph nichts abging, als eben die gemeine Wirklichkeit. Hatte man ihm eines Abends übel mitgeſpielt und er ſaß zu Hauſe und arbeitete mit der Nadel, ſo ſtach er dieſe nicht ins Tuch, ſondern ins Fleiſch irgend eines Unverſchämten, daß es Blut gab und der Tropf zuckte und Ach und Wehe ſchrie. Wenn er den Schneiderhammer ſchwang, ſo klopfte er nicht eine Falte, ſondern den breiten Rücken eines boshaften Spötters aus, wobei ihn nament⸗ lich deſſen klägliche Widerſtandsloſigkeit innig erfreute. War er beſonders erzürnt und handhabte er die Senſe auf der Wieſe, ſo mähte er ſtatt des Graſes ſeinen Widerſachern die Beine weg, daß ſie jämmerlich um und um purzelten und dalagen, daß es eine Schande war. Eine ſolche Strafe war indeſſen für bloße Worte, ſo impertinent ſte auch geweſen ſein mochten, doch etwas ſtark; die Rachbegierde des Guten war hier ſchneller geſättigt, und indem er die Handlung nun ſelber grauſam fand, war es ihm zuletzt lieb, daß er eigentlich doch nicht die Beine von Menſchen, ſondern bloß Gras ent⸗ zweigeſchnitten hatte, worüber der Augenſchein keinen Zweifel ließ. Er konnte dann auch über ſich ſelbſt lächeln, der gute Tobias; aber die Senſe wetzte er doch mit Behagen und ſchritt mit aufgehellter Miene zur Fort⸗ ſetzung der Arbeit. 2
Die Natur mit ihrem ſichern Takt findet in allen Verhältniſſen die entſprechende Arznei für die Wunden des Lebens, und ſo lernte auch unſer Freund die Mängel des irdiſchen Daſeins, die ihm oft ſo ſchweren Verdruß bereiteten, durch die Phantaſie heben und ſich das in der Wirklichkeit für ihn nicht Exiſtirende wenigſtens einbilden. Das gute Hausmittel half bei ihm wie bei Andern; er wurde heiterer und nach und nach in der That fähig, die Unbilden leichter hinzunehmen, die ſich ihm nun auch weniger andrängten. Ganz nach ſeinen Vorſätzen kann freilich niemand leben und Rückfälle gibt es immer und überall. Bei Tobias führten aber dieſe wenig⸗ ſtens nichts Außerordentliches mehr herbei. Er war eben der„junge Schnei⸗ der“ oder der„Schneiders⸗Tobias“ und ſpielte als ſolcher eine Rolle im Dorf, an die ſich die Leute und endlich er ſelber gewöhnten.
Die Geduld, die zur Durchführung derſelben immerhin erforderlich war, hatte er indeß nicht nur unter den Leuten, ſondern auch zu Hauſe nöthig, und da zeitweis mehr als draußen. Sein Vater mochte ihn nicht. Einem Mann, den Keiner zu vexiren wagte und der, wenn's drauf ankam, eher Unrecht thun als leiden konnte, dieſem mußte es natürlich ſehr fatal ſein,


